Würden alle gesetzlichen Schranken fallen und keine Staaten mehr väterlich über ihre Bürger wachen, würde Chaos die neue Tagesordnung werden. Ohne Recht und Ordnung würden Menschen einander an die Gurgel gehen, aus Neid und Habgier im Kampf um Ressourcen bis zum Tod kämpfen. Die Spezies würde in die Steinzeit zurückversetzt werden. Die einzige Regel, die alle gleichermaßen befolgen würden, wäre der biblische Ausdruck »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Nur das Gesetz des Stärkeren würde noch gelten, bis die Menschheit an ihrem Ausbruch archaischer Gewalt zugrunde ginge …
… oder?
Zumindest war der englische Staatstheoretiker und Philosoph Thomas Hobbes von dieser These überzeugt. Darum geht es auch in seiner Schrift “De Cive” (zu Deutsch: “Über den Bürger”). Darin beschreibt er den Menschen, wie er seiner Meinung nach beschaffen ist: Als eigennütziges Wesen, das in seinem Naturzustand nur an sich selbst denken könne. Hobbes zieht den Schluss, dass eine stabile Regierung notwendig ist, um das menschliche Zusammenleben im Interesse aller zu regeln. Zu sehr würden sonst die selbstsüchtigen Individuen aneinandergeraten. Der Wilde muss gezähmt werden, zum Bürger gemacht werden. Von einer römischen Komödie inspiriert, popularisierte er in einer zum Text ergänzten Widmung den Satz »Homo homini lupus«, oder auf Deutsch: »Der Mensch ist des Menschen Wolf.«
Für viele brave Bürger fühlt sich diese These intuitiv wahr an. Es scheint erstmal logisch: Der Mensch hat die Natur in großen Teilen unterworfen. Wenn er überhaupt zur Nahrungskette gehört, in die er die Tiere unterordnet, dann an dessen oberster Spitze. Nur in absoluten Ausnahmefällen werden Menschen noch Opfer von Tieren. Doch eine Kreatur wird ihm regelmäßig gefährlich: ein anderer Mensch.
Wir alle kennen es aus den Nachrichten. In unserem modernen Alltag werden unsere Homo-Sapiens-Gehirne von einem ständigen Informationsfluss über Betrug, Körper- und Seelenverletzung, Mord und Totschlag, sowie Krieg geflutet. Die Gewalt scheint wie ein weltweites Feuer, dessen Flammen zwar durch Autoritäten eingedämmt, jedoch nie ganz gelöscht werden können. Im Angesicht immer bedrohlicher wirkender Krisen und einem immer heftiger (mit)reißenden Nachrichtenstrom stellt sich die Frage: Was, wenn der Damm bricht? Was geschieht, wenn Recht und Ordnung nicht mehr gelten, wenn Regierungen, Militär und Polizei die Kontrolle verlieren?
Hobbes plädierte dafür, dass nur ein starker Staat dazu fähig sei, den Meschenwölfen Einhalt zu gebieten. Dafür setzt er ein wirkmächtiges Bild ein: Der Leviathan, ein biblisch-mythologisches Seeungeheuer, unter dessen fast transzendenter Allmacht sich jeder Mensch unterzuordnen hat. Der “bellum omnium contra omnes” (zu Deutsch: “Krieg aller gegen alle”), in dem sich Menschen in ihrem Naturzustand bekämpfen, wird durch die nach vernünftigen Regeln handelnde Staatsmacht unterbunden. Die fähige Hand der Regierung schafft endlich Frieden im Interesse aller, schützt den Menschen vor sich selbst.
Es liegt nahe zu vermuten, dass Hobbes’ Menschenbild so negativ war, weil er den Englischen Bürgerkrieg (1642-1649) miterlebte. Ein brutaler Konflikt, der das Land in Chaos stürzte und viele blutige Opfer forderte. Zweifelsohne liegt Hobbes zumindest mit einer Feststellung richtig: Der Mensch ist zu schrecklichen Gewalttaten fähig. Fraglich ist jedoch seine Einschätzung dazu, was die tatsächliche Ursache solcher Brutalität ist.
Der Mensch, ein Werwolf?
Doch lassen wir uns mal auf das Horrorszenario ein. Was geschieht denn, wenn Menschen in eine Situation kommen, in der Recht und Gesetz nicht mehr ihr Leben bestimmen? Wie verhalten sie sich zum Beispiel, wenn eine Naturkatastrophe ihren Alltag auf den Kopf stellt, Infrastruktur zerstört und ein ganzes Gebiet vom Rest der Welt abschneidet?
Ein solches Szenario ergab sich gegen Ende August 2005 in New Orleans. Beim berüchtigten Hurricane Katrina, der besonders gnadenlos über dem Land gewütet hatte, durchbrachen die Deiche der Stadt. Eine Sintflut ergoss sich über die Infrastruktur, bis der Großteil aller Häuser und Straßen fast acht Meter tief unter Wasser stand. Unzählige Menschen mussten erleben, wie ihr Zuhause durch die Wassermengen zerstört wurde. Das städtische Stadion, das Caesars Superdome, diente als Notunterkunft für über 30.000 Schutzsuchende.
Autor Rutger Bregman beschreibt in einem seiner Bücher, wie die Medien in den Tagen nach dem Sturm die Situation in New Orleans schilderten – und wie fast nur schockierende Nachrichten über Gewaltausbrüche die Runde machten:
»Journalisten berichteten, dass die Kehlen von zwei Babys durchgeschnitten und ein siebenjähriges Mädchen vergewaltigt und ermordet worden war. Der Polizeichef prognostizierte, dass die Stadt in die Anarchie abgleiten würde und dem Gouverneur von Louisiana schwante dasselbe. ›Was mich besonders wütend macht,‹ sagten sie, ›ist, dass solche Katastrophen oft das Schlechteste in den Menschen zutage fördern.‹ Diese Schlussfolgerung verbreitete sich über die ganze Welt. Der renommierte Historiker Timothy Garton Ash schrieb in der britischen Zeitung The Guardian, was alle dachten: ›Man entferne die Grundelemente eines geordneten, zivilisierten Lebens – Nahrung, Unterkunft, Trinkwasser, ein Minimum an persönlicher Sicherheit –, und wir fallen innerhalb weniger Stunden in einen Hobbes’schen Urzustand zurück, einen Krieg jeder gegen jeden.‹«
Vielen schien es ganz selbstverständlich: die schrecklichen Zustände in New Orleans würden ebenso zu einer zwischenmenschlichen Katastrophe führen, in der die Leute einander angreifen. Tatsächlich war jedoch das Gegenteil der Fall. Die Nachrichten über Morde und Vergewaltigungen erwiesen sich allesamt als falsch. Stattdessen ließen sich viele Akte der Nächstenliebe beobachten. Bregman schreibt weiter:
»Eine Armada an Schiffen war von Texas nach New Orleans gekommen, um so viele Menschen wie möglich zu retten. Hunderte von Rettungstrupps waren gebildet worden. Eine Gruppe hatte sich “Robin-Hood-Plünderer” genannt: elf Freunde, die Lebensmittel, Kleidung und Medikamente “stahlen” und verteilten.«
Forschungen zu Katastrophen bestätigen, dass die Situation in New Orleans dahingehend keine Ausnahme war. Tatsächlich lässt sich das Muster beobachten, dass Menschen in solchen Horrorszenarien nicht zu mehr Gewalt neigen, sondern zu besonders viel Hilfsbereitschaft. Eigentlich logisch. Die Krise lässt sich zusammen sowieso besser durchstehen. Nichts da mit Werwölfen, die gleich die Zähne fletschen, sobald es mal nicht so gut läuft.
Gewalt-Fantasien
Die oben angeführten Zitate stammen aus Rutger Bregmans Bestseller “Im Grunde gut.” Darin begibt sich der Historiker auf die Suche nach der wahren Natur des Menschen – und rechnet nebenbei gnadenlos mit zahlreichen Mythen rund um die ach so natürliche menschliche Bosheit ab. Ein Blick auf viele Sagen und Legenden zum Thema entlarvt, dass das allgemeine schlechte Menschenbild vor allem von der wilden Fantasie und Sensationsgeilheit der Menschen geprägt ist, statt einer realistischen Einschätzung der Wirklichkeit.
Da wäre zum Beispiel der Nachkriegsklassiker “Herr der Fliegen”, in dem eine Gruppe von Jungs nach einem Flugzeugabsturz zusammen auf einer Insel überleben muss. Ohne erwachsene Autorität werden die Kinder einander zunehmend gefährlich, bis es zu haarsträubenden Gewaltexzessen kommt. Doch wie realistisch ist das Szenario, das angeblich die menschliche Natur so gut widerspiegeln würde?
Bregman warf einen Blick in die Geschichte und fand einen vergleichbaren Vorfall, bei dem sechs Jungen aus Tonga – etwa ein Jahrzehnt nach William Goldings Roman – schiffbrüchig wurden und für 15 Monate auf der winzigen Insel Ata überleben mussten. Das erwies sich als ziemlich harte Angelegenheit, doch allen Widrigkeiten zum Trotz schafften es die Freunde, einen Gemüsegarten anzulegen, Regenwasser in ausgehöhlten Bäumen zu sammeln und einige wilde Hühner zu halten. Sie kooperierten und überlebten, ganz ohne größere Konflikte oder gar Gewaltausbrüche. Ein Beweis also, dass Goldings angeblich so schonungslos ehrlicher Roman über die Menschennatur ein ziemliches Fantasiegebilde ohne tieferen Wahrheitsanspruch ist.
Eines lässt sich aber mit ebenso großer Sicherheit feststellen: Viele Menschen scheinen vom potenziellen Bösen – insbesondere in Anderen – fasziniert zu sein. Irgendetwas an der vermeintlich absolut korrupten Menschennatur scheint die kollektive Vorstellungskraft zu erfassen und jeden Glauben an eine wahrheitsgetreue Alternative im Keim zu ersticken.
Die Gefahr durch andere Menschen scheint immer unmittelbar. Unser Alltag ist durchdrungen von brutalen Fantasien, die auf großen Kinoleinwänden in Form von Katastrophenfilmen aus dem Hause Hollywood vor uns vorüberziehen, sich aber auch in realitätsfernen Behauptungen über „die kriminellen Ausländer” und einem nationalen “Wir”, das sich laut Talkshows jeden Tag gegen eine buntere Auswahl an Bedrohungen verteidigen müsse, bemerkbar machen.
Mal kommt die Gefahr von außen, mal von einem Feind, der die eigene Gruppe von innen wie ein Wolf im Schafspelz bedroht und so schnell wie möglich eliminiert werden sollte, ehe es zu spät ist. Sieht man hier aber genauer hin, könnte man die Angst vor der bösen Menschennatur als etwas anderes erkennen: den Ausdruck einer viel tiefer gehenden, subtileren Gewalt, die unser Leben bestimmt – und obendrauf die Legitimation der Verhältnisse, die diese Gewalt benötigen, um sich selbst zu erhalten.
Die Vorstellungskraft erweitern
Eine Autorin, die die hohe Kunst beherrschte, ihre Fantasie zum Wachstum der oft so eingeschränkten kollektiven Vorstellungskraft einzusetzen, ist Ursula Le Guin. In ihrem Science-Fiction-Roman “Die Habenichtse” von 1974 stellt sie zwei Welten mit je eigenen Gesellschaftsentwürfen gegenüber – und beschreibt, wie sich die Menschen in ihrer jeweiligen Umgebung unterscheiden.
Zwei Himmelskörper drehen sich zusammen um denselben Stern Tau Ceti. Da wäre zu einem der ressourcenreiche Planet Urras, auf dem es mehrere Staaten gibt, jedoch zwei Großmächte – A-Io und Thus – die meiste Kontrolle ausüben. Die Spannungen zwischen diesen autoritären Mächten erinnern an die Zeit des Kalten Krieges auf der Erde. Es gibt viel Wohlstand auf Urras, aber eben auch viel Leid.
Dieser Welt gegenübergestellt ist der karge Mond Anarres, der komplett ohne Staaten strukturiert ist. Und gänzlich ohne Hierarchien. Einst waren die anarchistischen Begründer dieser Gesellschaft nach Konflikten auf ihrem Geburtsplaneten Urras ins Exil nach Anarres geschickt worden. Daraus war eine Gesellschaft entstanden, die versucht, mit dem wenigen was sie hat, zurechtzukommen – und dabei niemals wie ihre alte Welt zu werden.
Die Geschichte erzählt von einem Bewohner Anarres’, dem Physiker Shevek. Er arbeitet an der Entwicklung einer allgemeinen Temporaltheorie, die es der Menschheit ermöglichen würde, in Überlichtgeschwindigkeit zu reisen und zu kommunizieren. Weil ihm diese Arbeit auf seinem Heimatplaneten erschwert wird, reist er nach Urras, um mit dortigen Forschern zusammenzuarbeiten. Bei seiner Konfrontation mit der so andersartigen, oberflächlichen Gesellschaft in A-Io, und der schrecklichen Gewalt, die aus der Staatenkonkurrenz auf Urras resultiert, muss er sich schwerwiegende Fragen über die Menschheit, Kapitalismus, aber auch den ihm vertrauten Anarchismus stellen.
Als während seines Aufenthalts ein Proxy-Krieg zwischen den Großmächten im Staat Benbili aufflammt, erkennt Shevek, dass die Urrasier seine wissenschaftlichen Erkenntnisse für ihre Kriegsführung nutzen wollen. Mit schrecklichen Konsequenzen. Nachdem er anarchistische Gleichgesinnte auf Urras kontaktiert, die im Untergrund leben, flüchtet er in die terranische Botschaft und bittet dort darum, seine Erkenntnisse an alle Welten zu senden. Ungewiss, ob die Menschen auf Anarres ihn willkommen heißen werden, kehrt er zu seiner Heimatwelt zurück – erleichtert, die kapitalistische Ordnung von Urras für immer hinter sich zu lassen. Auch, wenn Anarres nur von “Habenichtsen” bevölkert ist.
Neben der Handlung hat auch der originale Titel des Buches etwas Faszinierendes. Im Englischen heißt der Roman “The Dispossessed”, was mit “die Enteigneten” übersetzbar ist. Doch ist auch eine alternative Auslegung möglich: “to be possessed” bedeutet im Deutschen “besessen sein.” Wer “dispossessed” ist, ist also nicht mehr “besessen”, wird nicht mehr fremdbestimmt.
Ohne Eigentum zu sein, könnte nach diesem Verständnis also auch etwas Befreiendes haben, etwas, das zum Beispiel dafür sorgt, dass es keine Kriege gibt, als auch keine Entfremdung, wie sie in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu Arbeit entsteht. Vom Eigentum befreit zu sein, könnte nach dieser Logik die Menschen womöglich mehr nach ihren kooperativen Potenzialen handeln lassen, als alles andere.
Die Gesellschaft auf Anarres ist nicht perfekt. Das Buch trägt aus diesem Grund im Englischen auch den Untertitel “An ambiguous Utopia.” Der Mond bietet wenig Ressourcen für seine Bewohner, weshalb es zu Verteilungskonflikten kommt. Zudem ist die Gemeinschaft stark bürokratisiert und kann sich für Einzelne stellenweise einengend anfühlen. Klar ist trotzdem, dass Le Guin dem Gesellschaftsentwurf auf Anarres insgesamt positiv gestimmt ist, wenn sie ihn auch nicht als makellos darstellt. Die kapitalistische Welt auf Urras lehnt sie jedoch deutlich ab. Vor allem, aber nicht nur, wegen der Gewalt, die sie mit sich bringt.
Dabei war die Autorin, deren Eltern beide Anthropolog:innen waren, etwas auf der Spur. Denn ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Kriege relativ gesehen sehr wahrscheinlich ein recht neues Konzept in der rund 300.000 Jahre betragenden Laufbahn des Homo sapiens sind. So stellt sich die Frage: Wann war der erste Krieg der Menschheitsgeschichte? (Oder: Was sind die frühesten Fälle groß angelegter organisierter Gewalt?)
Kriege mit Keule?
Nach aktuellem Kenntnisstand könnte die Ausgrabungsstätte Hamoukar Ort dieses Geschehens gewesen sein.1 Die Siedlung im heutigen Nordostsyrien war einst ein blühendes Zentrum für die Produktion von Waffen und Werkzeugen aus Obsidian. Das vulkanische Glas kommt jedoch nicht in der Region vor. Es muss also nach Hamoukar ins Zweistromland zwischen Tigris und Euphrat – auch Mesopotamien genannt – transportiert worden sein. Die nächstgelegenen Quellen sind beachtliche 100 km von der Region an der heutigen syrisch-irakischen Grenze entfernt. Archäologe Clemens Reichel sagt dazu:
»Ein intensiver Export von Obsidian-Produkten ins südliche Zweistromland könnte die Entstehung von Hamoukar erklären. Das könnte die Menschen von den Feldern in die Stadt gelockt haben. Und wenn Menschen erst einmal ein Vermögen angehäuft haben, bauen sie Mauern, um es zu schützen – und man hat die erste Stadt.«
Zuerst vermuteten Archäologen, dass ein Erdbeben die Stadt vor 5500 Jahren zerstört hatte. Doch als sie unzählige Lehmkugeln entdeckten – teils säuberlich in den Häusern aufgereiht, teils überall um die Stadt herum verteilt – wurde deutlich, dass sich ihre Bewohner gegen Angreifer verteidigt hatten. Sichtlich verloren sie dabei. Bei der Konfrontation wurden die Gebäude schwer beschädigt und begruben die Bewohner unter ihren Trümmern.
Forscher:innen vertreten die These, dass gerade weil der Handel in der Region weit verbreitet war, brutale Machtkämpfe die Folge waren. Erst durch den Fall der nördlich gelegenen Stadt konnte das südliche Zweistromland zur dominanten Kraft aufsteigen, durch Handel Reichtümer anhäufen und zum fruchtbaren Boden für mächtige Königreiche wie Babylonien werden.
Doch Hamoukar ist nicht der einzige belegte Schauplatz früher organisierter Gewalt. In Mecklenburg-Vorpommern windet sich der Fluss Tollense durch das flache Land. Die dicke Schicht Torf am Gewässer bietet die perfekten Bedingungen, um menschliche Überreste über viele Epochen hinweg zu bewahren. Zahlreiche Funde gewähren uns einen wertvollen Blick in die Vergangenheit, in einen Zeitraum von vor rund 3000 Jahren.2
Denn die Region war offensichtlich einmal Schauplatz eines blutigen Schlachtfelds gewesen, wie unzählige gebrochene Knochen, zerberstete Schädel und von Pfeilspitzen durchbohrte menschliche Überreste belegen. Womöglich sind hier mehrere hundert Menschen aneinandergeraten.
Fakt ist, dass hier ein Beleg für einen sehr frühen Fall organisierter Gewalt vorliegt. Eine kriegerische Auseinandersetzung, samt komplexer Planung, Kooperation und wahrscheinlich einer starken Autorität, der es gelang, eine beachtliche Menge an Menschen für ihre Zwecke zu mobilisieren.
Untersuchungen der Knochen ergaben sogar, dass die Kämpfer sehr oft mit Pfeil und Bogen schossen und viel liefen, kurz: dass sie trainiert wurden – Hinweise darauf, dass es sich hier um eine Professionalisierung des Kriegswesens handeln könnte.
Zusätzlich hat die Forschung ergeben, dass die gefundenen Pfeilspitzen teils in Norddeutschland produziert wurden, teils aber auch in Bayern und Tschechien, hier also zwei Gruppen aus weit entfernten Gebieten in der schmalen Tollensequerung aufeinandertrafen.
Wir werden vermutlich nie wissen, warum genau es an der Stelle zu den Kämpfen kam. Jedoch bricht der Fund mit der lange vorherrschenden Vorstellung, die Bronzezeit sei eine rein friedliche Phase des Handels und kulturellen Austausches gewesen.
Tatsächlich vermuten Forscher mittlerweile, dass in den Umbrüchen der Jungsteinzeit, in der der Mensch von Jäger- und Sammlerkulturen zu Hirten- und Bauernkulturen überging, besonders viel organisierte Gewalt aufflammte. In der Epoche, deren Anfänge in Europa auf vor etwa 7500 Jahren datiert werden, kam es eher zu Konflikten um Ressourcen und Lebensraum.
Das meiste über die vielen Jahrzehntausende der Jäger- und Sammlerzeit liegt für uns im Dunklen. Trotzdem spekulieren Historiker:innen, dass es während dieser Phase kaum zu Gewalt kam. Wer wenig besitzt, hat wenig zu umkämpfen. Die Möglichkeit, einander auch einfach auszuweichen, war in der Welt der Nomaden eher gegeben, als in der Gesellschaft der Bauern, die Felder besaßen, die sie zum Aufziehen ihres Viehs und für die Landwirtschaft benötigten. Gleichzeitig war die Notwendigkeit gewaltsamer Auseinandersetzung seltener gegeben, da Ressourcen freier zugänglich waren. Heidi Peter-Röcher, Professorin für Archäologie an der Universität Würzburg, meint hierzu:
»Diese Zeit der Sesshaftwerdung war, glaube ich, auch zumindest in einigen Gebieten von ziemlicher Gewalt begleitet. Ob das als Krieg bezeichnet werden darf, da hätte ich meine Zweifel, und als diese neuen Formen des Umgangs miteinander, diese neuen Regeln gefunden waren, hat die Gewalt auch wieder aufgehört […]«
Besonders dann, wenn Menschen sich in komplexen Gesellschaftsformen organisieren und um Ressourcen und Lebensraum konkurrieren, ist das Risiko gewaltvoller Konflikte groß. Durch das Ausbilden eines Kodex, denn die Beteiligten einer solchen Gesellschaft befolgen, kann sie zum Glück wieder eingedämmt werden. Trotzdem ist die Ursache dafür, warum diese Konflikte aufkommen, damit nicht behoben.
Was, wenn sich eine Gesellschaft auf Basis einer solchen Struktur weiterentwickelt? Tausende Jahre später bestehen in einer kapitalistischen Welt wie der unsrigen, in der Wenige die Produktionsmittel besitzen und kontrollieren, besondere Abhängigkeitsverhältnisse. Arbeiter:innen sind auf die von Kapitalist:innen vergebene Arbeit angewiesen, um zu überleben – denn da nahezu alles zu Eigentum geworden ist und das Recht der Eigentümer:innen mithilfe des Gewaltmonopols des Staates geschützt wird, sind Ressourcen wie Nahrungsmittel fast nur mit Geld zugänglich. Auch moderne Kriege werden von der Logik des Kapitalismus wie eine Art Motor angetrieben. So wie einzelne Menschen in dieser Gesellschaft in einem Konkurrenzverhältnis zueinander stehen, tun dies auch Staaten, die nach möglichst großer kapitalistischer Wirkungsmacht streben, um ihren Erfolg und Wohlstand auf dem Globus zu sichern.
Natürlich ist das nur eine sehr kurze, lückenhafte Zusammenfassung. Doch feststeht: Wer über Gewalt nachdenkt, sollte vor allem über gesellschaftliche und materielle Zwänge nachdenken. Denn ein Wolf ist der Mensch per se sicher nicht. Jedoch womöglich etwas anderes. Etwas, das in solchen Gesellschaften umso gefährlicher ist.
Mäh!
Während Bregman in seinem Buch viele Mythen rund um die bösen Menschen auflöst, erweist sich nicht jede Geschichte als komplette Farce. Hier kommen wir zu Stanley Milgrams berühmter Schockmaschine.
Im Juni 1961 begann der junge Forscher ein Experiment, bei dem er Hunderte Studierende der Yale Universität dazu einlud, in die Rolle von Schülern und Lehrern zu schlüpfen. Die Schüler sollten ihr Gedächtnis testen lassen. Währenddessen saßen die Lehrer in einem anderen Raum vor einem Apparat, mit dem sie den Testpersonen per Knopfdruck kontrollierte Stromschläge verpassten, sollten sie eine Frage nicht richtig beantworten. Ein weiterer Mann würde die Lehrer dazu anleiten, wann und in welcher Intensität die Stromschläge nötig wären.
Tatsächlich waren die Schüler jedoch Schauspieler, die durch Schmerzensschreie signalisieren sollten, wie sehr sie unter den Strafen litten. Getestet wurden in Wahrheit die “Lehrer”, die mehr oder weniger folgsam auf den Mann im Kittel hörten. Wie weit waren diese Menschen bereit, zu gehen?
Die Ergebnisse schockierten so sehr, dass Stanley Milgram über Nacht zu einem der berühmtesten Psychologen aller Zeiten wurde. 65 Prozent der Probanden gingen wissentlich bis an die tödliche Grenze von 450 Volt.
Viele Leute glaubten: das Experiment habe bewiesen, wie leicht sich der Mensch zum Bösen verleiten ließ, sobald er von einer Autoritätsperson dazu angewiesen wurde. Eine Erkenntnis, die gerade in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und den Schrecken des Holocausts viel Anklang fand. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
Auch hier fand Bregman die ein oder andere Lücke. Zum Beispiel zweifelte über die Hälfte der Probanden an der Echtheit des Szenarios. Sie glaubten schlicht nicht, dass Testpersonen an einer renommierten Universität gefoltert und getötet werden würden. Zudem wollte Milgram berühmt werden und stellte nach außen hin seine Erkenntnisse als absolut und unumstößlich dar. In seinen Tagebüchern zweifelte er jedoch selbst insgeheim an deren Aussagekraft.
Denn zusätzlich zu den methodischen Unsauberkeiten des Experiments war der autoritäre Charakter des Kittel-Mannes, der die Lehrer beriet, tatsächlich eher nebensächlich. Sobald sich eine Testperson weigerte, einen geforderten Stromschlag auszuüben, würde der Mann ihn wieder und wieder darum bitten, es doch zu tun. Ein Befehl war dabei der allerletzte Versuch, den Probanden zum Handeln zu drängen. Die Taktik funktionierte nie. Die Lehrer reagierten abweisend auf eindeutig autoritäre Anordnungen.
Viel effektiver erwiesen sich jedoch die Bitten, die der Mann im Kittel zuvor machte. Darin würde er immer wieder betonen, wie wichtig doch der weitere Verlauf des Experiments für die Wissenschaft – und damit auch für die Menschheit – wäre. Was sich also im Experiment und vielen weiteren Replikationen zeigte: Menschen reagieren deutlich kooperativer, wenn man sie davon überzeugt, sie täten etwas Gutes. Dann sind sie auch bereit, dafür schlimme Dinge zu tun.
Ein letztes Experiment soll noch beschrieben werden. Folgendes Szenario: Eine Testperson sitzt mit mehreren anderen “Probanden”, die eigentlich eingeweihte Schauspieler sind, in einem Raum. Der Gruppe werden zwei Abbildungen gezeigt. Eine zeigt einen Strich, die andere mehrere, eindeutig unterschiedlich lange Striche. In der zweiten Abbildung hat nur ein Strich die gleiche Länge wie der im ersten Bild. Die Testpersonen sollen der Reihe nach laut sagen, welche Linie ihrer Auffassung nach die gleiche Länge aufweist, wie der erste Strich.
Bei mehreren Durchgängen mit sich ändernden Bildern geben alle Probanden immer richtig an, welcher Strich zur ersten Abbildung passt. Bis die Schauspieler irgendwann allesamt die falsche Linie als korrekt hervorheben.
Wie reagiert die Versuchsperson? Sage und schreibe 76 Prozent schließen sich mindestens einmal der Meinung der Gruppe an. Dass sie offensichtlich die falsche Antwort ist und sie das auch wissen, tut dabei nichts zur Sache.
Das Konformitätsexperiment wurde erstmals 1951 durch den Psychologen Solomon Asch veröffentlicht. Deshalb bezeichnet man die Anpassung an die Mehrheitsmeinung einer Gruppe auch oft als “Asch-Effekt.”
Natürlich beweisen ein paar Experimente erstmal … so gut wie nichts. Zu komplex sind unsere vielen verschiedenen Leben und die sozialen Dynamiken, in denen wir uns befinden. Trotzdem illustriert es etwas, das mir in vielerlei Hinsicht wahr erscheint: Menschen wollen nicht glauben, dass sie etwas Schlechtes tun. Womöglich ist ihnen aber umso mehr die Vorstellung zuwider, von ihrem sozialen Umfeld als schlecht wahrgenommen zu werden.
Doch die Sache mit der Moral ist, dass sie an sich keine festen Grenzen vorgibt. Moral ist fast wie ein leeres Gefäß, das durch eine Gruppe von Menschen, die ein gemeinsames Wertesystem teilen wollen (oder müssen), gefüllt wird. Was dann letztendlich als moralisch richtig gilt, kann sich von Gruppe zu Gruppe sehr unterscheiden, hängt dabei auch von äußeren Umständen ab. Einzelne müssen dann entscheiden, wie weit sie mit der Gruppe mitgehen. Oder ob sie doch das Risiko eingehen, zu widersprechen, wenn sie mit der Mehrheitsmeinung nicht einverstanden sind. Gefährlich ist dann vor allem die ständige Berufung auf ein großes Ganzes, das überhöht wird – eine Nation zum Beispiel – und dem alles andere untergeordnet wird. Manchmal sogar Menschenleben.
Wenn Menschen ihre eigenen gewaltvollen Handlungen damit rechtfertigen können, dass sie ja dem Allgemeinwohl dienen, sind sie schnell zu den schlimmsten Dingen bereit. Die Lehrer verpassten den Schülern zum Wohle der Wissenschaft Stromschläge. Zum Wohle von Staaten werden Kriege geführt, Menschen vertrieben oder sogar vernichtet – und viele der Bürger solcher Länder lassen sich als Soldaten zur ihrer menschlichen Verfügungsmasse machen, lassen sich zum Motor solcher Gewalt machen. Sie unterwerfen sich dem Zweck des Staates.
Nein, der Mensch ist nicht per se des Menschen Wolf. Als Einzelner sieht der Mensch selten die Notwendigkeit, einem anderen Menschen Leid zuzufügen. Ja, es gibt natürlich Mord und Totschlag auf dieser Welt. In Form von wichtigtuerischen Serienmördern etwa. Doch relativ gesehen haben solche Extremfälle wenig Aussagekraft über die menschliche Natur im Allgemeinen.
Doch als Schaf ist der Mensch deutlich gefährlicher.
In die Gruppe zu passen, ist für Menschen wichtig. Grundsätzlich ist das für so soziale Wesen wie uns ja auch sinnvoll. Es ist gerade die Kooperation und der Zusammenhalt in Gemeinschaften, die uns über hunderttausende von Jahren hinweg als Jäger und Sammler überleben ließen. Doch wahrscheinlich zeigt sich eben in den Gesellschaftsstrukturen, die während der Sesshaftwerdung und danach entstanden, die dunkle Seite des oft so sozial konformen Menschen. Viel spannender als die Annahme, der Mensch sei ein Wolf, ist also die Frage: Sind wir ewig dazu verdammt, Schafe mit Gewaltpotenzial zu sein?
Vermutlich ist die richtige Antwort weder ein klares Ja, noch ein eindeutiges Nein. Der Drang, nicht ausgeschlossen zu werden und zur Gruppe zu gehören, ist tief in uns verankert. Kaum etwas schmerzt so sehr wie Ablehnung. Doch wer sich mit solchen psychologischen Mechanismen befasst, kann sich darin üben, sich über sie hinwegzusetzen und für sich selbst zu denken. Wenn möglich, der Herde nicht blind zu folgen, wenn sie gerade etwas Dummes oder Schlechtes tut. Sich die Zwänge bewusst machen, denen man unterliegt, und die das eigene Handeln mitbestimmen.
Das Wichtigste ist wohl, die Strukturen der Welt zu hinterfragen, die das Schlimmste aus unserer oft so folgsamen Natur machen kann. Versteht man die wahre Beschaffenheit des Menschen besser, folgen spannende Fragen über Eigentum und Wirtschaftsweise als auch Nationalismus, wie sie schon Science-Fiction-Autor:innen wie Ursula Le Guin gestellt haben.
Ich glaube nicht, dass wir Wölfe sind. Und auch Schafe nicht wirklich. Letztendlich kann es sowieso kein realistischer Anspruch sein, dem Homo sapiens mit seiner langen Geschichte eine starre Natur zuzuschreiben.
Wir sind schlicht Menschen. Komplex und zu so viel Gutem wie Schlechtem fähig. Das Potenzial fürs Andersdenken, für Widerstand, ist ebenso wie Folgsamkeit immer in uns gegeben.
Vielleicht ist die entscheidende Aufgabe nicht, allzu sehr über die richtige Moral nachzudenken, die unser Handeln bestimmt, sondern die Strukturen und Zwänge zu überwinden, die Schlechtes fördern. Auch, wenn solche Gedanken oft anecken und die herrschende Mehrheitsmeinung herausfordern.
Dafür braucht es etwas, das ebenfalls zutiefst menschlich ist: Mut.
- Infos und Zitate zu Hamoukar aus: Der erste Krieg der Menschheit, Spiegel, 17.01.2007 ↩︎
- Infos und Zitate zu Tollense-Schlacht aus: Krieg mit Keule, Deutschlandfunk, 26.03.2023 ↩︎