Kaum eine Sitcom ist so erinnerungswürdig wie Die Simpsons. Lange gelang es ihr wie vermutlich keiner anderen Serie feinfühlig und mit absurdem Humor das Weltgeschehen zu kommentieren und das alltägliche Leben der durchschnittlichen US-amerikanischen Familie zu reflektieren. Über viele Staffeln und Jahrzehnte hinweg entwickelten die Macher:innen einen umfangreichen Kanon an unvergesslichen Charakteren, wobei jede Figur mit ihrem einzigartigen Design und einer eingängigen Catchphrase Fans für immer im Gedächtnis bleiben würde. Natürlich gehört dazu auch Graggle Simpson, das sechste liebenswerte Mitglied der Familie.
Eine Doppelfolge, die den umfangreichen Cast der Serie besonders geschickt illustriert, ist Wer erschoss Mr. Burns?, bei der natürlich auch Graggle als einer der vielen Verdächtigen infrage kommt.
Bei der Gestaltung des minimalistischen Charakters hat sich der Mastermind hinter der Sitcom, Matt Groening, offensichtlich die Frage gestellt: Wie sähe eine Figur aus, die noch in die Welt der Simpsons passt, aber ansonsten in jeder Hinsicht auf nur wenige wiedererkennbare Merkmale reduziert wird? Eine Art Proto-Simpsons-Charakter? Das Ergebnis war natürlich Graggle, mit seiner humanoiden Erscheinung samt den typisch großen Augen und der gelben Hautfarbe. Er trägt keine Kleidung, auch eine Nase fehlt ihm. Charakteristisch sind auch die drei Haare, die von seinem Kopf abstehen. All das macht Graggle ein wenig merkwürdig, aber ebenso einprägsam.
Entscheidend ist sowieso sein Charisma. Insbesondere in frühen Staffeln hatte er zu jedem noch so verrückten Abenteuer einen klugen, witzigen Spruch auf Lager. Meist hält er sich eher im Hintergrund und übernimmt auch in der Familie eine eher einzelgängerische Rolle. Trotzdem gilt er als unersetzlicher Bewohner von Springfield. Er lebt in Barts Baumhaus und arbeitet mit Homer im Kraftwerk. In Moes Kneipe ist er Stammgast und lacht genauso lauthals wie die anderen Gäste mit einem Bier in der Hand über Barts Prankanrufe, auf die der Barbetreiber mal wieder reingefallen ist.
Doch hie und da zeigte die Serie auch mit Graggle ihre sentimentale Seite. Viele Fans berichten in Online-Foren, dass sie bei einer bestimmten Szene sogar geweint hätten. Nämlich, als Homer die Figur am Ende einer Folge voller konfliktreicher Missverständnisse wieder versöhnlich in die Arme nimmt und “Graggle Simpson” nennt – sein Zeichen, dass er ihn als Teil der Familie sieht und ihn akzeptiert, wie er ist.
Woher genau die etwas alienmäßig aussehende Kreatur kommt, wurde nie in der Serie erklärt. Auch in Interviews hielten sich die Serienmacher:innen dazu immer eher bedeckt. Graggle scheint letztlich einfach wie ein Insider der Autor:innen, die wissen, dass das fremdartige Wesen bei den ein oder anderen Zuschauer:innen zu verwirrtem Stirnrunzeln führen würde.
Das reiht die Figur zudem in eine lange Tradition der Simpsons ein, verstreut immer wieder mal paranormale Elemente in die Storylines der Episoden einzuweben. (Man denke an die Tentakel-Aliens Kang und Kodos oder Homers psychedelischen Drogen-Trip, bei dem er von einem sprechenden Kojoten in seiner spirituellen Reise begleitet wird.)
Eine verbreitete Fan-Theorie erkennt in Graggle sogar eine Art Meta-Charakter, der Matt Groenings Gedanken und Kommentare zu den Geschehnissen der Serie wiedergibt. Auch das passt ins Schema, schließlich ist der Cartoonist auch bekannt dafür, gerne mal die vierte Wand zu brechen und direkt zum Publikum zu sprechen.
Es ist gut möglich, dass ihr Graggle tragischerweise vergessen habt. Ab der 13. Staffel musste er aus Springfield ausziehen. Er wurde aus der Serie entfernt und die berühmte gelbe Familie verlor ein Mitglied. Die genauen Gründe hierfür wurden nie offiziell bekanntgegeben. Selbstverständlich konnten die Fans jedoch nicht einfach so Graggle loslassen und entwickelten ihre eigenen Theorien zu seinem Verschwinden.
Einige davon sind ziemlich abgedreht. Manche glauben zum Beispiel, dass sich die Produktion der 13. Staffel als extrem schwierig erwiesen habe, weil man in einer Aussage Graggles eine Vorhersage des Anschlags am 11. September 2001 herauslesen hätte können. Aus Angst vor Kontroversen musste die betreffende Folge angeblich umgeschrieben und teilweise neu animiert werden – eine hohe Belastung im sowieso schon eng getakteten Alltag eines Animationsstudios. Abgesehen von einem sehr wahrscheinlich gefälschten Leak gibt es jedoch keine Belege für diese Theorie. Trotzdem ist es verführerisch, daran zu glauben, wenn man die vielen Vorhersagen bedenkt, die Die Simpsons bereits korrekt gemacht haben. Da wäre zum Beispiel die Präsidentschaft von Donald Trump oder das Aufkaufen des Studios 20th Century Fox durch Disney. Zumindest ist diese Theorie so seltsam, dass sie irgendwie zu Graggle passt.
Wahrscheinlicher für sein Verschwinden ist jedoch ein Mix aus banaleren Gründen. Die Serie befand sich zur damaligen Zeit in einer Phase großer Veränderungen. Der Animationsstil wurde geändert (Staffel 13 war die letzte Staffel, bei der alle Folgen noch mit der traditionellen Cel-Technik animiert wurden), generell wurde intensiv am Skript gearbeitet und versucht, nach ein paar weniger erfolgreichen und von Kritikern negativ bewerteten Staffeln, der Serie wieder zu altem Glanz zu verhelfen. Irgendwo zwischen Diskussionen um neue Charaktere und darum, welche Weltereignisse sich am besten für eine mitreißende Storyline eigneten, entschieden die Autor:innen offensichtlich, dass es in der Welt der Simpsons schlicht keinen Platz mehr für den doch etwas zu seltsamen Graggle gäbe. Er verschwand spurlos. Naja, fast zumindest.
Denn dass heute so viele Fans, die früher regelmäßig Die Simpsons schauten, Graggle vergessen haben, liegt auch daran, dass die Produktionsstudios ihn rückwirkend entfernen ließen. Wer heute die Serie online streamt, findet auch in den frühen Staffeln das sechste Familienmitglied nicht mehr. Bevor Disney die Serie für seinen Streamingdienst überarbeiten ließ – hauptsächlich, um die Bildqualität zu verbessern – konnten aufmerksame Zuschauer:innen noch Artefakte seiner einstigen Existenz erkennen. An manchen Stellen flimmerte es gelblich, oder die Hintergrundfarbe wies dort, wo er einmal gestanden hatte, eine etwas zu satte Farbe auf.
Heute sind diese Relikte Graggles nur noch auf alten VHS-Bändern und ein paar wenigen DVDs zu finden. Kein Wunder, dass ihr Graggle vergessen habt. Umso wichtiger ist es, an ihn zu erinnern. Hier ein paar der besten Momente:
Okay. Es ist Zeit aufzuwachen.
Graggle ist nicht real. Ich weiß, ich weiß, es ist kaum zu fassen. Womöglich wart ihr erst skeptisch. Vielleicht hatten manche von euch aber auch schon das Gefühl, ihr würdet euch selbst dunkel an ihn erinnern. Doch er hat nie existiert.
Das Phänomen, sich kollektiv falsch an etwas zu erinnern, wird Mandela-Effekt genannt. Der Name kommt daher, dass viele Leute fest davon überzeugt waren, Nelson Mandela sei bereits in den 80ern gestorben, als sie die Nachricht von seinem Tod in 2013 mitbekamen.
Immer wieder kommen neue Fälle solcher gemeinsamer Irrtümer auf. Womöglich könntet ihr selbst bei so manchen Richtigstellungen irritiert innehalten und überlegen, ob ihr eine Sache korrekt im Gedächtnis hattet. Zum Beispiel glauben viele, Mr. Monopoly, das Maskottchen des berühmten Brettspiels, trage ein Monokel. Tut er aber nicht. Und im emotionalen Höhepunkt der originalen Star-Wars-Trilogie sagt Darth Vader nicht “Luke, ich bin dein Vater”, sondern “Nein, ich bin dein Vater”. Das Internet ist voll mit vergleichbaren Falsch-Erinnerungen. Und es kommen regelmäßig neue dazu.
Das machte es zum perfekten Nährboden für den “Graggle Hoax.” Der völlig erfundene Simpsons-Charakter war das Produkt einer groß angelegten Täuschungs-Kampagne auf Social Media. Inspiriert von einem japanischen Online-Maskottchen, das bereits 2015 im Netz kursierte, tauchte Graggle 2021 auf der Seite 4chan auf. Kreative Fans griffen die Figur auf und schufen mit technischem Geschick (und einem selbstbewussten Auftreten beim Verbreiten ihrer Falschinformationen) viele falsche Belege für die vermeintliche Existenz Graggles. Zahlreiche Kommentatoren auf Social Media taten bei Graggle-Posts so, als würden sie wissen, wer die Figur sei, und sich nostalgisch an sie erinnern. Andere ließen sich verwirren, sie erkannten den skurrilen humanoiden Charakter nicht wieder. Graggle ging 2022 viral. Ein massiver Mandela-Effekt-Fake war geboren. Dafür brauchte es nur genug Leute, die bereit waren, andere Internetnutzer zu “gaslighten.”
Der Begriff ist vom britischen Theaterstück Gas Light inspiriert, das insbesondere durch seine Verfilmung 1944 (Das Haus der Lady Alquist) berühmt wurde. Zwei Ehepartner nehmen ihre Umgebung unterschiedlich wahr. Während die Frau davon überzeugt ist, dass die Gaslampen in ihrem Zuhause mit jedem Abend ein klein wenig dunkler werden, kann der Mann diese Veränderungen nicht feststellen. Zunehmend zweifelt die Frau an ihrem Verstand, bis sie das Gefühl hat, verrückt zu werden. Tatsächlich ist es aber ihr Ehemann, der die Gaslampen ständig verstellt, es jedoch nicht zugibt, damit sie ihre eigene Wahrnehmung hinterfragt. Er will sie manipulieren und hat sie dafür “gegaslightet.”
Wenn das Zweifeln an der eigenen Perspektive absichtlich durch einen anderen Menschen (meist in einer Machtposition) hervorgerufen wird, dann oft als gewaltvoller, missbräuchlicher Akt der Manipulation. Oft sind es narzisstische Persönlichkeiten, die nahestehende Menschen nach ihrem Belieben lenken wollen, und ihnen den Glauben rauben, sie könnten selbst vernünftige Entscheidungen treffen. Der Geist eines anderen Menschen wird gezielt erodiert, um ihn wie eine Marionette für seine eigenen Zwecke zu nutzen.
Doch vielleicht können die Dynamiken des Gaslightings auch größere Kreise ziehen, über nahe Beziehungen hinausgehen. Wie im Fall von Graggle. Doch es ist nicht immer so harmlos. Zweifelsohne spielt das ständige Wiederholen von falschen “Fakten” und das gezielte Vermindern des Selbstbewusstseins von Gegnern auch eine große Rolle im politischen Kontext.
Während ich an diesem Essay schreibe, begegnen mir regelmäßig Schlagzeilen rund um immer neue Aufdeckungen (und Vertuschungen) zu den Epstein Files, die viele berühmte und einflussreiche Persönlichkeiten mit dem US-Investmentbanker und verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein in Verbindung bringen. Wer war alles auf seiner berüchtigten Insel, auf der zahlreiche minderjährige Mädchen missbraucht wurden?
Es ist keine weit hergeholte Verschwörungstheorie, zu vermuten, dass viele hochkarätige Namen auf seinen Gästelisten standen, auch der von Donald Trump. Neben Informationen, die der Öffentlichkeit noch nicht zugänglich gemacht wurden, gibt es dafür schon jetzt Belege, die ganze Aktenschränke füllen könnten. Nicht zuletzt die vielen Fotos, die Epstein und Trump miteinander zeigen; freundschaftlich zusammen lachend, auf Partys. Oder die handgeschriebenen Nachrichten, die sehr wahrscheinlich zwischen den beiden wechselten.
Trotzdem setzt Trump auf eine Taktik hartnäckigen Gaslightings, um vom Offensichtlichen abzulenken. Sein Geschimpfe über die Epstein Files geht dabei ziemlich hin und her. Mal seien sie schlicht langweilig (“It’s pretty boring stuff. It’s sordid, but it’s boring, and I don’t understand why it keeps going”), mal handle es sich dabei schlicht um eine Desinformationskampagne der Demokraten. Insbesondere frustriert Trump aber, dass Teile seiner Gefolgschaft ihm wegen seiner Verbindungen zu Epstein zunehmend skeptisch gegenüberstehen. Solche “gefallenen Fans” seien schlicht auf einen Betrug der Demokraten reingefallen (“Their new SCAM is what we will forever call the Jeffrey Epstein Hoax, and my PAST supporters have bought into this „b——,“ hook, line, and sinker”).1
Die Botschaft: Wer Trump misstraut, sei schlicht nicht richtig bei Sinnen, lasse sich verarschen und von anderen lenken. Die Wirklichkeit sei ganz anders, und abgesehen von ein paar harmlosen Begegnungen habe der US-Präsident rein gar nichts mit den düsteren Machenschaften von Epstein und seinen anderen Elite-Freunden zu tun. Immer wieder werden Fehlinformationen bewusst wiederholt, um eine falsche Wirklichkeit zu schaffen. Politisches Gaslighting kann so gezielt eingesetzt werden, um sich aus der Misere herauszureden.
Es gibt noch viele weitere Versuche von Regierungen, öffentliche Empörung von sich abzuwenden, ja sogar Kritiker an ihrer eigenen Wahrnehmung zweifeln zu lassen. In ihrem Artikel Post-truth Politics and Collective Gaslighting2 hat Natascha Rietdijk ein paar Beispiele zusammengetragen, darunter den Fall des schrumpfenden Amazonas. Denn ein weiterer notorischer Gaslight-Täter ist der brasilianische Ex-Präsident Jair Bolsonaro. Während seiner Amtszeit feuerte er den Leiter eines Instituts, das die Entwaldung des Amazonas beobachtete und wegen der immer schneller werdenden Rodung Alarm schlug. Bolsonaro rechtfertigte seine Entscheidung damit, dass Leute innerhalb der Regierung versuchen würden, Brasilien absichtlich in ein schlechtes Licht zu rücken. Tatsächlich seien NGOs an destruktiven Bränden Schuld, die Medien würden seine Regierung aus Sensationsgeilheit attackieren und ausländische Kritiker:innen würden nichts anderes als “Kolonialismus” betreiben, weil sie sein Land nicht als souverän anerkennen würden.
Uff. Es mag vor diesem Hintergrund wenig überraschen, dass Bolsonaro vom Rolling Stone in 2021 zum “weltweit gefährlichsten Klimaleugner” erklärt wurde.3 Im Kampf gegen den Klimawandel übernehmen Regenwälder, die rund zehn Prozent des globalen CO2 aufnehmen, eine Schlüsselrolle. Zu schade für den Planeten und künftige Generationen, dass sich mit Agrarflächen einfach mehr Geld machen lässt. Dann muss man eben zum Gaslighting greifen, um unbequeme Kritik abzuwenden.
Wie viel Schaden hat (politisches) Gaslighting noch angerichtet? Man denke an historisch benachteiligte Menschen, denen im Laufe der Geschichte durch Andere eingebläut wurde, ihre Unterdrückung sei durch ihre grundlegende Beschaffenheit gerechtfertigt. Zum Beispiel wurde (und wird) Frauen in vielen Kulturen eine Natur zugeschrieben, die sie angeblich zum rechtmäßigen Eigentum ihrer Väter und Ehemänner machen würde. Ihnen wurde und wird von ihrem sozialen Umfeld empfohlen, alles, was nicht mit Haushalt und Familie zu tun hat, lieber dem “stärkeren Geschlecht” zu überlassen. Wer sich auflehnt und andere Ziele im Leben priorisieren will, gilt schnell als hysterisch und dem droht, zurechtgestutzt zu werden.
Hier ergibt sich ein faszinierender Schnittpunkt zwischen persönlichem und politischem Gaslighting: Wie viele Frauen wurden von nahestehenden Personen zurechtgewiesen, wenn sie nach etwas strebten, das über ihre traditionelle Rolle hinausging (“Das würdest du eh nicht schaffen. Sei nicht so naiv.”)? Wie viele Frauen, die für Gleichberechtigung kämpften, mussten sich von (meist männlichen) Autoritätspersonen sagen lassen, es entspreche der Natur des weiblichen Geschlechts, zum Beispiel nicht wählen zu dürfen?
Natürlich ist das eine recht binäre Darstellung, die nur teilweise Geltung hat. Schließlich können auch Männer Opfer eines solchen Missbrauchs werden, Frauen können Täterinnen sein, und Frauen können sich ebenso willentlich mit einer sexistischen Gesellschaftsordnung einverstanden geben. Und auch Männer leiden unter sexistischen Rollenbildern.
Trotzdem lässt sich beobachten, dass Frauen öfter von Gaslighting betroffen sind als Männer, wie Forscherin Robin Stern in ihrem Buch The Gaslight Effect feststellt. Sie vermutet den Grund hierfür in der Sozialisierung von Frauen, die historisch dazu erzogen wurden, “nett” zu sein und zu gefallen, während männliche Autorität oft gesellschaftlich mehr akzeptiert und weibliche Wahrnehmung eher angezweifelt wurde.4
Man denke etwa an die “Hysterie” als Sammelbegriff für verschiedene psychische Störungen, der sich aus dem altgriechischen Wort für “Gebärmutter” gebildet hat. In der westlichen Medizin galt die Krankheit lange als typisch weiblich. Die französische Feministin Helene Frappat widmete dieser Thematik, der Kunst, Frauen zum Schweigen zu bringen, ein ganzes Buch. Sie sieht im Phänomen, Opfer von Gaslighting zu werden, eine kollektive, eher typisch weibliche Erfahrung.
Ein weiterer Grund hierfür könnte auch im Machtgefälle liegen, das im Kapitalismus zwischen Partner:innen oftmals entsteht. Meist sind es Frauen, die als das gebärende Geschlecht einen Nachteil auf dem Arbeitsmarkt haben, da sie länger ausfallen. Die unterschiedliche ökonomische Stellung, die durch die (hypothetische) Familiengründung entstehen kann, fördert womöglich auch ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis zwischen besser und schlechter verdienenden Partner:innen, das wiederum die Beziehungsdynamik – mehr oder weniger bewusst – beeinflussen kann. Und somit vielleicht auch das Gaslighting von ökonomisch tendenziell schlechter gestellten Partner:innen, meist Frauen, wahrscheinlicher macht.
Wichtig ist bei diesem Thema noch anzumerken, dass der Gaslighting-Begriff in manchen Kreisen schnell mal inflationär verwendet wird. Unterschiedlicher Meinung zu sein ist nicht gleich Gaslighting. Der Begriff umfasst ein spezifisches Phänomen, das vor allem in von emotionalem Missbrauch geprägten Beziehungen vorkommen kann, und teils auf einen allgemeineren Kontext erweitert werden kann, wenn das Urteilsvermögen politischer Gegner angezweifelt wird, um sie zu verunsichern. Deshalb ist der Graggle-Hoax auch nur sehr entfernt als Gaslighting zu verstehen. Das Verunsichern ist hier ein komödiantischer Selbstzweck, der in dieser Form relativ harmlos ist.
Klar ist, dass politisches Gaslighting immer einen Zweck verfolgt und alle betreffen kann, die in einem Machtgefälle den Kürzeren gezogen haben. Es geht von den Mächtigen aus, die ihre Position und ihre Entscheidungen möglichst schwer angreifbar machen wollen. Nicht unbedingt, um tiefgehende und berechtigte Kritik zu verhindern – das würde so absolut schlicht nicht funktionieren – aber, um Verwirrung unter den Menschen zu säen, Sucher:innen der Wahrheit zu frustrieren und Talking-Points für diejenigen zu geben, die ihnen sowieso schon folgen.
“Das ultimative Ziel ist es, die Gesellschaft zu spalten und zu schwächen, sodass sie sich nicht mobilisieren und zusammentun kann”, so Journalist Peter Wehner. Politisches Gaslighting schützt seine Täter:innen vor den Menschen, die sie beherrschen. Durch den künstlich angelegten Wald von Lügen und Desinformationen sollen die Leute weniger wehrhaft werden.
Doch: Wie verteidigt man sich? Rietdijkk verweist auf die Macht des gemeinsamen Widerstands und der Solidarität. Während Gaslighting-Opfer im Privaten das Risiko eingehen müssen, sich zu isolieren, wenn sie sich gegen ihre Missbrauchstäter:innen auflehnen, können Menschen sich im Falle des politischen Gaslightings zusammentun und gegen ihre Herrscher:innen auflehnen. Frappat ruft dazu auf, die Waffe der Ironie für sich zu nutzen. Eine Ironie, die „rebellisch, wild, lebhaft und sexy” ist. Das kann sich als starkes Mittel gegen Unterdrücker:innen erweisen, die sich von ihren Beherrschten Unterwerfung und Respekt erhoffen.
Hier sollte nichts schöngeredet werden. Die Irrwege der Lügen und Halbwahrheiten drohen immer komplizierter und verwirrender zu werden. Wie viele Fehlinformationen werden durch KI-generierte Bilder, Tonspuren und Videos verbreitet werden? Wie viele Mächtige werden ebenso bei echten Beweisen für ihr Fehlverhalten Whistleblowern vorwerfen, sie würden nur darauf abzielen, per gleicher Technologie ihre Namen in den Dreck zu ziehen?
Graggle Simpson ist ein harmloses, sogar schönes und witziges Beispiel für “Gaslighting.” Doch Phänomene wie er können auch eine Warnung dafür sein, was noch auf uns zukommt. Umso wichtiger wird es, dass wir nicht aus den Augen verlieren, wer aus welchem Interesse lügen könnte, wo wir verlässliche Informationen herbekommen, und dass wir uns nicht täuschen lassen sollten von Herrscher:innen, die mit ihrem politischen Gaslighting vor allem ein Ziel haben: Dass wir einander und uns selbst anzweifeln, statt sie.
- abc News: What Trump has said about Jeffrey Epstein over the years, including on 2024 campaign trail ↩︎
- (PDF) Post-truth Politics and Collective Gaslighting ↩︎
- Rolling Stone: What to Do About Jair Bolsonaro, the World’s Most Dangerous Climate Denier ↩︎
- Green European Journal: “A War on Perception”: Gaslighting in Politics ↩︎