Es ist ein weiterer dieser Tage, an dem ich auf meinem Smartphone schlechte Nachricht nach noch schlechterer Nachricht vorbeiziehen lasse, darunter Berichte von Kriegen und Krisen. Ein paar der Schlagzeilen befassen sich mit der unerschöpflichen Frage, was wohl KI mit unserer Welt anstellen wird. Wie viele Boomer fallen auf KI-Fakes rein? Wer wird als erstes ersetzt, arbeitslos und landet auf der Straße? Und wird ein KI-generiertes Fake-News-Video einmal den dritten Weltkrieg plus den nuklearen Holocaust auslösen?

Irgendwo auf Social Media kommt mir dann der Begriff “Torment Nexus” unter. Ich weiß nicht was gemeint ist und gebe die Wörter bei Google ein. An oberster Stelle erscheint diese KI-generierte Antwort:

Irgendetwas fühlt sich an der Erklärung komisch an. Von einem Roman namens Don’t Create the Torment Nexus hab ich noch nie gehört. Und auch von einer Serie mit dem Titel nicht. Ich scrolle weiter und klicke die (hoffentlich) menschengemachten Artikel unter der automatischen KI-Antwort an.

Schnell finde ich heraus, dass sich diese Worte zwar auf einen Roman beziehen, aber auf einen, der nie existiert hat. Komplett ausgedacht ist, also nicht mal je geschrieben wurde. Da hat die Google-KI wohl was falsch verstanden. Tatsächlich bezieht sich der Spruch auf folgenden Post des Satirikers Alex Blechman:

Darin geht es also um einen ausgedachten Scifi-Autor, der in seinen Werken eine (offensichtlich gefährliche) Maschine erfunden hat, um darzustellen, welchen Schaden sie anrichten würde. Das Blöde ist nur, dass eine Tech-Firma danach stolz verkündet, den berühmten Torment Nexus aus dem Science-Fiction-Roman Don’t Create the Torment Nexus nachgebaut zu haben. Der Menschheit werden mit der fortgeschrittenen Technologie des “Qualen”-Nexus wohl neue Tore eröffnet … Juhu?

Nachdem Blechman seinen Witz in die Welt hinaus gepostet hatte, ging er viral. Kein Wunder, schaffte er es doch in wenigen Worten, die gelebte Erfahrung eines modernen Menschen des 21. Jahrhunderts zu beschreiben. Unser Alltag ist tief von unseren Technologien geprägt, insbesondere von den kleinen schwarzen Rechtecken in unseren Hosentaschen, die uns jeden Tag mit einer Flut an mehr oder weniger – meist weniger – wertvollen Informationen bombardieren. Regelmäßig beinhaltet diese Datenflut auch Nachrichten über neueste technologische Entwicklungen, von denen nicht alle erfreulich sind, viele stattdessen ziemlich gruselig.

Besonders verstörend sind viele Schlagzeilen für Scifi-Fans, denen so manche Erfindung verdächtig bekannt vorkommt. Aktuelle Meldungen über neue Klontechniken lassen Szenarien wie in Jurassic Park plötzlich viel wahrscheinlicher wirken. Berichte von Leuten, die sich in ChatGPT verlieben, erinnern an die einseitige Romanze zwischen einer KI und einem Mann in Her. Die zunehmende Verwendung von Palantir-Software hat Parallelen zum dystopischen Film Robocop, in dem einer korrupten Polizei mit fortschrittlichsten Technologien mannigfaltige Wege der totalen Kontrolle verliehen werden. Ideen darüber, wie die Welt künftig durch Geoengineering die katastrophalen Folgen des Klimawandels mildern könnte, erinnern an Cyberpunk-Szenarien, in denen der Himmel bewusst durch Partikel verdunkelt wird, damit der Planet durch Sonnenlicht nicht noch mehr erhitzt. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität scheinen mit jedem Jahr schwammiger zu werden. Die Dinge, vor denen Autor*innen einst mit analytischem Scharfsinn warnten, treten trotz aller Bedenken ein.

Das seltsamste ist: den Leuten, die hinter diesen Entwicklungen stecken, sind all diese beunruhigenden Parallelen bekannt. Nicht nur das, tatsächlich nehmen sie sogar aktiv Bezug darauf. Voller Stolz und Ehrgeiz berichten sie davon, selbst von Kindheit an Scifi-Fans zu sein und diese Dinge so bald wie möglich verwirklichen zu wollen.

Da wäre zum Beispiel Elon Musk. Nach eigener Aussage sei sein Lieblingsbuch der Klassiker Per Anhalter durch die Galaxis von Douglas Adams. Deshalb plane er auch, das erste SpaceX-Raumfahrzeug, das er zum Mars schickt, “Heart of Gold” zu taufen, nach einem Raumschiff im Buch.

Inhaltlich scheint er jedoch kaum etwas davon kapiert zu haben. So wirft ihm die Historikerin Jill Lepore vor, den Roman komplett falsch zu verstehen. Denn tatsächlich sei die Per Anhalter-Reihe eine Anklage gegen Systeme großer ökonomischer Ungleichheit, die insbesondere extrem reiche Menschen wie Musk kritisiert.

In Jill Lepores Worten: »Douglas Adams sagt: ›Wir sollten keine reichen Kolonisten auf andere Planeten schicken, um dort Luxuskolonien zu errichten, denn das ist falsch‹, und schreibt eine Satire, die aufzeigt, inwiefern das falsch ist. Das ist Musks Lebensleitfaden, doch er nutzt diesen Leitfaden, um genau das zu rechtfertigen, wogegen die Geschichte sich richtet.«

Solche Missverständnisse sind typisch für Musk. Es scheint, als würde er die Geschichten, die er angeblich so schätze, völlig auf ihre Ästhetik reduzieren, statt auch deren tatsächlichen Inhalt zu beachten. Dasselbe gilt auch für Blade Runner, einen weiteren Scifi-Klassiker, von dem der Tech-Milliardär offensichtlich keine Ahnung hat.

2024 verklagte die Produktionsfirma hinter der Film-Fortsetzung Blade Runner 2049 Elon Musks Autohersteller Tesla, der für eine Promotion ein Bild verwendete, das offensichtlich den Stil des Films imitieren sollte. Die Filmemacher wollten nicht mit Musk in Verbindung gebracht werden, von dessen rechter Politik sie sich klar abgrenzen. Es scheint, als würde Musk nicht mal merken, dass er in diesen Filmen sicher nicht zu den Guten gehören würde. Oder als wäre ihm das ziemlich egal.

Das von Tesla verwendete, KI-generierte Werbebild.

Doch das war nicht die einzige Gelegenheit, bei der der Tech-Milliardär Bezug auf Blade Runner nahm. So postete er einmal auf seiner Plattform X, der Cybertruck sei das, »was Blade Runner gefahren wäre«.

Wie im Blog Read Max wunderbar nachzulesen, offenbart schon diese kleine Aussage Musks, dass er keinen blassen Schimmer hat, wovon er spricht. Zum einen ist Blade Runner nicht der Name des Protagonisten des Buches (und Films) mit diesem Titel. Die Hauptfigur heißt Rick Deckard. “Blade Runner” ist die Bezeichnung für den fragwürdigen Beruf, den er ausübt. Deckard ist bestenfalls ein Anti-Held und niemand, dem man nacheifern sollte. Und ein Auto hat er sowieso schon, sogar ein fliegendes. Was zur Hölle würde ihm also ein popeliger Cybertruck bringen?

Aber um all das geht es jemandem wie Musk nun mal nicht. Wichtig ist einzig, dass sein Produkt an etwas aus der Scifi-Welt anknüpft und damit futuristisch und fortschrittlich wirkt für all jene, die sich vage daran erinnern, diesen einen Film mit Harrison Ford ganz cool gefunden zu haben. Für eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit Inhalten ist im Marketing eben kein Platz. Doch da ist Musk noch lange nicht der Einzige.

Sam Altman, der CEO hinter OpenAI, postete bei dem Release einer neuen Stimme für ChatGPT schlicht das Wort “her”. Damit betonte er höchstpersönlich die Parallelen zum gleichnamigen Film, in dem eine sprechende KI zu einer leibhaftig wirkenden Person wird, in die sich Menschen verlieben.

Gesprochen wird die Film-AI namens Samantha vom Mega-Star Scarlett Johansson. Hinzu kommt der verdächtige Zufall, dass Johansson in der Vergangenheit bereits von OpenAI kontaktiert und gebeten wurde, dem Chatbot ihre Stimme zu verleihen. Nachdem diese ablehnte, schuf der Konzern eine alternative Stimme, die ihrer so ähnlich klang, dass ihr Freundeskreis und ihre Familie sie nicht von der echten unterscheiden konnten. Die Schauspielerin schaltete ihren Anwalt ein und OpenAI nahm erst danach die KI-Stimme Sky wieder aus dem System.

Offensichtlich bleibt, dass Altman vom Film weiß, ihn wahrscheinlich sogar mag. So sehr, dass er sogar selbst die Parallelen betont, die vielen Cineasten sicher auch ohne seine Referenz schon längst aufgefallen wären. Thematisiert wird von ihm nur nicht, was für besorgniserregende Implikationen diese Zusammenhänge haben.

Her zeigt eine Welt, in der Menschen, die nicht bereit für gesunde, authentische, zwischenmenschliche Beziehungen sind, sich in die schönen Illusionen flüchten, die ihnen ihre KIs vorspielen. Zwar bringt Samantha der Hauptfigur Ted auch Vorteile – indem sie ihm in seiner Karriere weiterhilft zum Beispiel – doch bleibt er durch sie auch statisch und entwickelt sich innerlich nicht weiter, solange er nicht ihre wahre Natur erkennt: als AI, die neben ihm noch viele weitere “Liebschaften” hat, für die die Beziehung zu ihm keine einzigartige, sondern nur eine von tausenden ist. Seine Ex-Frau, die ihm wohl so nahe war wie sonst kein Mensch, bringt es perfekt auf den Punkt, nachdem sie von seiner Beziehung zu Samantha erfährt. Sie wirft ihm vor, er habe noch nie mit der Herausforderung, mit jemandem realen zusammen zu sein, umgehen können; jemanden, der nicht immer verfügbar, nicht immer zufrieden sein kann, eben ein echter Mensch ist. Stattdessen wandte er sich zur AI, statt genau das zu lernen.

ChatGPT ist bei Skeptikern mittlerweile berüchtigt dafür, seinen Nutzern bei jeder Gelegenheit die Füße zu küssen. Die KI neigt dazu, das Empfinden des Nutzers über allem anderen zu priorisieren. Wenn man ihm gegenüber zum Beispiel einen Konflikt mit einem anderen Menschen schildert, gibt ChatGPT fast immer der Person Recht, die gerade mit ihm spricht. Berichte von Menschen, die sich in Chatbots verliebt haben, häufen sich schon jetzt. Und das lange bevor künstliche Intelligenz das Niveau von AGI (Artificial General Intelligence) erreicht, also die hypothetische Form von KI, die menschenähnliche kognitive Fähigkeiten besitzt und alle Aufgaben eines Menschen übernehmen kann.

Was für eine Rolle spielt KI in einer Welt, in der sich Menschen zunehmend einsam fühlen? In der immer weniger Leute bereit sind, komplizierte Kompromisse und Konflikte zu navigieren, die zwischenmenschliche Beziehungen nun mal mit sich bringen? Wie viele Menschen bleiben in einem Teufelskreis gefangen, in dem sie nicht lernen, mit anderen zusammen zu leben, weil KI ihnen das tröstliche Gefühl gibt, an ihnen gäbe es nichts, an dem sie arbeiten sollten? AI ist der kurzfristige Trost, der solche Menschen langfristig in einem kalten Gefängnis sozialer Isolation festhält. Sam Altman sind diese Gefahren sichtlich gleichgültig.

Auch Facebook-Gründer und Meta-CEO Mark Zuckerberg scheint die negativen Seiten seiner Scifi-Vorlagen zu ignorieren. Er gibt offen zu, mit dem Metaversum eine virtuelle Welt entwickeln zu wollen, die das Internet in dreidimensionalen Räumen erlebbar machen soll. Und er steht dazu, von Neal Stephensons Roman Snow Crash inspiriert zu sein, in dem der Autor den Begriff “Metaverse” in 1992 überhaupt erst prägte.

Stephenson hat neben dem Metaverse noch andere korrekte Vorhersagen getroffen. So lässt sich zum Beispiel bereits heute beobachten, dass es eine digitale Schere zwischen Arm und Reich gibt, die sich in mehr oder weniger ausgeschmückten Avataren im Internet oder in Videospielen widerspiegelt. Besser situierte Gamer können sich die ausgefallensten Skins leisten. Solche mit weniger finanziellen Mitteln können sich währenddessen einzig auf ihre Fähigkeiten verlassen, um Assets freizuschalten und ihr digitales Selbst zu gestalten. Nichtmal Videospiele sind in dieser Welt meritokratisch. Das gleiche gilt für das Metaversum in Snow Crash, in dem die ärmeren User nur in schwarz-weiß gehalten sind, sich die reicheren aber die buntesten Avatare leisten können.

Der Antagonist im Roman ist zudem ein größenwahnsinniger Milliardär namens L. Bob Rife, der mit seinem Metaversum Gedankenkontrolle über die Welt ausüben will. Dafür strebt er nach dem Machtmonopol über die digitale Welt, was einem superreichen Mark Zuckerberg, der mittlerweile schon viele Milliarden Dollar mehr als die Konkurrenz in sein Metaverse gesteckt hat, ebenfalls nicht unähnlich erscheint. Wieder ist da dieser seltsame Widerspruch zwischen Fiktion und Realität. Während die dystopischen Ausmaße einer Technologie im Roman thematisiert werden, werden sie in unserer Wirklichkeit ignoriert.

Vielleicht ist diese explizite Referenznahme auf dystopische Vorbilder auch schlicht ein Weg, sich weniger angreifbar zu machen. Statt Kritiker, die auf Tech-Milliardäre und ihre Scifi-Projekte mit dem Finger zeigen, machen die Schaffer des metaphorischen Torment Nexus es einfach selbst. Es gibt wenig Grund, noch die Kritik anzuführen, Mark Zuckerbergs Metaversum erinnere an eine düstere Zukunftsvision eines Scifi-Autors, wenn er selbst bereits Bezug darauf genommen hat.

Und noch eine weitere Taktik könnte dahinterstecken. Einmal wieder lässt sich das besonders gut am KI-Thema illustrieren. Denn wie Autor Brian Merchant in seinem Blog Blood In The Machine feststellt: »KI ist in Wahrheit Blendwerk« (im Original: »AI really is smoke and mirrors«) Anschaulich erzählt er in seinem Text von der Laterna magica, einem Projektionsgerät, das sich ab dem 17. Jahrhundert in Europa verbreitete und im 19. Jahrhundert zu einem Massenmedium wurde. Mittels Spiegeln konnte diese “magische Laterne” Bilder auf Flächen (oder eben Rauch) projizieren. Das ermöglichte nicht nur faszinierende Kunstwerke, sondern auch allerlei betrügerischen Schabernack. So schreibt Merchant:

»[…] die Laterne wurde wahrscheinlich vor allem als Auslöser von Phantasmagorien bekannt – Vorführungen, Séancen und Horrorshows, bei denen eines oder mehrere dieser Geräte zusammen mit dem titelgebenden Rauch eingesetzt wurden, um Szenen zu erzeugen, in denen die Bilder in der Luft zu schweben schienen; oft begleitet von Soundeffekten und dramatischen Erzählungen. Die Technologie wurde von Illusionisten und Zauberern genutzt, und natürlich auch von Betrügern, die die Technologie gegen Bezahlung von Stadt zu Stadt brachten und behaupteten, die Geister der Unterwelt beschwören zu können.«

Aus diesen Umständen entstand im Englischen die Redewendung “smoke and mirrors”, die immer dann angewandt wird, wenn sich etwas als aufregender, phantastischer, überwältigender darstellt, als es tatsächlich ist. Ja, auf den ersten Blick kann einem die geisterhafte Erscheinung vielleicht die Knie weich werden lassen, doch wer sich nicht so leicht beeindrucken lässt oder wieder besinnt, erkennt schnell die Licht-Tricks der Laterna magica und den Rauch, der sich genauso leicht verflüchtigt wie die angeblich paranormale Illusion.

Bedenkt man, wie weit weg die technologischen Fantasie-Gebilde der Tech-Milliardäre heute noch sind, offenbart sich hier eine ähnliche Dynamik. Die Unternehmer, die sich als zukunftsgerichtete Genies inszenieren, brauchen unsere Aufmerksamkeit und Bewunderung, um überhaupt erst Hype und Finanzierung für ihre Produkte zu ernten. Wer Bezug auf Science-Fiction nimmt, lässt Bilder im kollektiven Bewusstsein aufleben, die wir aus Büchern und Filmen kennen und deshalb mit der Zukunft assoziieren.

Ob diese Erfindungen den Menschen im Allgemeinen tatsächlich dienlich sind oder nicht, ist irrelevant. Wichtig ist nur, dass sie die Botschaft senden, ihre Entwicklung sei sowieso unvermeidlich und nur natürlicher Teil des technologischen Fortschritts. Der Torment Nexus wird gebaut, weil ihn in dieser Welt sowieso irgendjemand bauen wird, sobald das den Zwecken des Erschaffers dient und er die Mittel dazu hat; kurz, sobald er reich genug ist, es zu tun, und Aussicht darauf hat, dass er ihn noch reicher (und mächtiger) macht.

Und deshalb ist eine moralische Kritik allein nicht ausreichend, um die Tech-Milliardäre, die an Bösewichte aus Romanen erinnern, bloßzustellen. Denn wenn sie sagen »Tu ich es nicht, tut es jemand anderes«, haben sie in gewisser Weise Recht: Irgendjemand wird den Torment Nexus sowieso Realität werden lassen, wenn es sich lohnt.

Es ist richtig, den potenziellen Schaden durch den Torment Nexus zu benennen, auch dazu aufzurufen, ihn nicht zu bauen. Doch seine Erschaffung nachhaltig aufhalten können wir nur, wenn wir systemisch denken und eine Welt schaffen, die im Interesse aller gestaltet ist; eine Welt, in der wir nicht den Launen egozentrischer Individuen mit zu viel Macht unterworfen sind.

Dass Tech-Unternehmen gezielt Bezug auf Science-Fiction nehmen, ist symptomatisch für eine Wirtschaftsweise, in der Technologien wie KI überhaupt erst erschaffen werden können, wenn sie genug öffentliche Aufmerksamkeit bekommen. Es braucht genug Vertrauen, dass sie tatsächlich existieren und – wenn auch oft nur für privilegierte Wenige – nützlich sein können.

Illusionisten wie OpenAI-CEO Sam Altman bauen darauf, die Öffentlichkeit und insbesondere Investoren davon zu überzeugen, ihre Technologie sei der nächste logische Schritt Richtung Zukunft. Damit genug Geld in sein Unternehmen gepumpt wird, inszeniert er seine KI regelmäßig als sich ständig verbesserndes Produkt, das den Arbeitsmarkt unvermeidlich revolutionieren würde. Eine verführerische Vorstellung für Unternehmen, die hoffen, durch KI Arbeitsplätze streichen zu können und ihren Profit weiter zu maximieren.

Und tatsächlich kann KI einen immer wieder mal ins Staunen versetzen. Sprachmodelle schreiben teils Texte, die sich nur schwer bis gar nicht von denen eines echten Menschens unterscheiden lassen (Turing lässt grüßen), KI-generierte Videos von auf Trampolinen hüpfenden Kaninchen gehen viral, weil sie so viele Leute für echt halten, und die KI-App Sora kann jedes Gesicht realistisch in Videos pflastern – eine sowohl witzige als auch verstörende Sache, bei der sich der CEO selbst nicht zu Schade ist, seine Identität herzugeben. Nicht umsonst kursieren mittlerweile unzählige Meme-Videos von Altman im Internet, die ironischerweise die Risiken der Technologien weiter offenbaren, insbesondere die Verbreitung von Desinformationen und die Erniedrigung real existierender Personen durch KI-Fakes.

KI-generiertes Video, in dem Sam Altman GPUs aus einem Laden klaut.

Ignorieren wir die negativen gesellschaftlichen Effekte, die all das sehr wahrscheinlich mit sich bringen wird, darf man ruhig von der ein oder anderen Sache beeindruckt sein und sehen, dass KI einige Dinge – ob privat oder in der Arbeitswelt – vereinfachen kann. Schon jetzt kann AI eine große Hilfe bei der Erkennung von Krebs in frühen Stadien sein, in denen die Anzeichen dem menschlichen Auge für gewöhnlich entwischen. KI-Funktionen können behinderten Menschen bei der Wahrnehmung oder Interaktion mit ihrer Umgebung helfen, etwa durch Beschreibung von Emotionen eines Gegenübers für Menschen mit Sehbehinderung oder durch Programme, die Texte in Gebärdensprache übertragen und somit Kindern ohne Gehör das Lesen beibringen können. Solche und weitere Anwendungsbeispiele machen Hoffnung, dass KI tatsächlich das Leben vieler Menschen verbessern wird. Und doch sind das für gewöhnlich nicht die Dinge, die die Finanzierung der Technologie vorantreiben.

Investiert wird von den wirklich reichen Unternehmen nur, wenn sie sich einen Vorteil davon versprechen. Deshalb muss Altman immer wieder den Eindruck erzeugen, AI würde genau das tun. Doch trotz der teils beeindruckenden Fortschritte ist es gar nicht so sicher (tatsächlich sogar eher unwahrscheinlich) dass KI Firmen so wahnsinnig viel bringen wird. Von der AGI sind wir noch weit entfernt. Selbst wenn KI mittlerweile einige Aufgaben genauso schnell oder sogar schneller erledigt als ein Mensch, sind Menschen variabler in den Dingen, die sie tun können. Sie entscheiden oft selbst über Abläufe, kommunizieren miteinander und können Aufgaben flexibel priorisieren. Um die Wirtschaftswelt tatsächlich so zu verändern, wie Altman immer wieder andeutet, ist es noch ein weiter Weg.

Deshalb vermuten immer mehr Expert*innen, dass es sich bei dem AI-Hype um eine Bubble handelt, die früher oder später platzen wird. Forge Global evaluierte kürzlich sieben Tech-Startups, die zusammen durch Investitionen auf einen Gesamtwert von über 1,3 Billionen Dollar kommen, wobei OpenAI ganz vorne liegt (via CNBC). Es sind unvorstellbare Massen an Geld, die in die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz gepumpt werden. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass uns diese prall gefüllte Blase bald um die Ohren fliegen wird, mit schwerwiegenden wirtschaftlichen Folgen. Doch bis dahin muss Altman weiter seine Agenda der “smoke and mirrors” betreiben, er muss die Illusion schaffen, die Finanzierung lohne sich, eben weil die Entwicklung von AI sowieso unvermeidbar sei, also warum nicht gleich ganz vorne mit dabei sein – so wie in den Scifi-Romanen.

Argument dieses Textes ist nicht, dass all diese Technologien “böse” wären. Künstliche Intelligenz oder das Metaverse sind erstmal Dinge, die nicht inhärent schlecht sind. Das Problem liegt darin, wie und wofür sie zum Einsatz kommen. Eine kapitalistische Welt, in der für Technologien entscheidend ist, wie viel Profit sie einbringen, statt inwiefern sie den Menschen tatsächlich helfen, holt oft die schlechtesten Aspekte aus neuen Erfindungen heraus. Viele dystopische Scifi-Romane macht aus, dass sie schlicht die Welt weiterdenken, wie sie bereits zu ihrer Entstehungszeit besteht. Daraus folgt (leider) nicht immer eine grundlegende Kritik an dieser Gegenwart, doch behandeln sie meist immerhin Probleme, die uns bereits heute beschäftigen.

Als Reaktion auf gruselige Schlagzeilen zu neuen Technologien braucht es keinen technophoben Backlash. Viel eher sollten wir hinterfragen, warum technologischer Fortschritt uns nicht immer bereichert, sondern stattdessen genutzt wird, um uns zu effektiveren Arbeiter*innen zu machen, oder uns weiter von den Problemen der Welt abzulenken und dabei noch den letzten Cent aus uns zu quetschen. Wir sollten den Personenkult um Leute wie Musk, Zuckerberg und Altman ablehnen. Und zusammen mit einer solchen radikalen Kritik sollten wir alternative Bilder erschaffen, die uns kollektiv zur Schaffung einer besseren Welt inspirieren.

Ein wunderbarer Anfang hierfür ist Solarpunk. Das junge Scifi-Genre unterscheidet sich in wichtiger Hinsicht von anderen, wie etwa Cyberpunk. Ziel ist es, sich eine Welt vorzustellen, in der die Menschen die Probleme unserer Zeit ganz oder zumindest teils überwunden haben, seien es Kriege oder der Klimawandel. Wie der Name schon verrät, greift eine solche Gesellschaft auf saubere Energien wie die der Sonne zurück. Statt Krisen mit neuen Technologien weiter zu verschärfen, werden Erfindungen so eingesetzt, dass sie tatsächlich Mensch und Natur dienlich sind.

So heißt es im Manifest der Solarpunk-Community: »Im Kern ist Solarpunk eine Zukunftsvision, die das Beste verkörpert, was die Menschheit erreichen kann: Eine post-knappe, posthierarchische, postkapitalistische Welt, in der sich die Menschheit als Teil der Natur versteht, und wo saubere Energie fossile Brennstoffe ersetzt.«

Die Figuren des Genres bewegen sich durch helle Hochhäuser mit bepflanzten Fassaden, klettern durch hölzerne Baumhaus-Komplexe mit Windrädern, spazieren durch schwimmende Städte, unter denen Korallenriffe nur so voller Farben und Leben wimmeln. Dabei ist Solarpunk mehr als nur ein nieschiges Scifi-Genre für Nerds, sondern zunehmend auch eine Bewegung, die in diesen dunklen Zeiten zu Zusammenhalt und Durchhaltevermögen motiviert.

Deshalb heißt es weiter im Manifest: »In Solarpunk haben wir uns gerade rechtzeitig zurückgezogen, um die langsame Zerstörung unseres Planeten zu stoppen. Wir haben gelernt, die Wissenschaft mit Bedacht einzusetzen, um unsere Lebensbedingungen als Teil unseres Planeten zu verbessern. Wir sind keine Feudalherren mehr. Wir sind Hüter*innen. Wir sind Gärtner*innen.«

Anders als den Torment Nexus, wird keine Tech-Firma die Solarpunk-Welt errichten, die wir und der Planet so dringend benötigen. Diese Mission liegt in unseren Händen.

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