„Es ist, als wäre die Sonne wahrhaftig schwarz geworden“, stellte der alte Dastan nüchtern fest, während er den Horizont betrachtete. Wieder einmal war er mit seinem Sohn Jawin auf Wanderschaft durch die Berge, um Zunderschwamm zu sammeln. Der leicht entzündbare Pilz war nicht nur für ihr alltägliches Überleben unerlässlich, sondern auch für ihre alchemistischen Versuche.
„Ist sie aber nie“, sagte Jawin und blickte hoch zum dunkelgrauen Himmel. „Noch immer verdecken Aschewolken die Sonne, dahinter strahlt sie gleißend wie eh und je.“
„Trotz der düsteren Hölle hier unten“, schimpfte Dastan.
„Es ist nicht alles schlecht“, murmelte Jawin.
„Ach ja? Was gibt es denn noch wahrhaftig Gutes in dieser zerstörten Welt, die mehr mit einer langsam verreckenden Ratte gemein hat als mit dem, was sie einmal war?“
Nachdenklich blickte Jawin das Tal hinab, in dem sich ein paar dutzend ärmliche Hütten wie verletzte Vögel in einem Nest niedergelassen hatten. Rauch stieg aus schiefen Schornsteinen herauf und hob sich kaum vom Grau des Himmels ab.
„Es gibt noch Wälder wie diesen, Menschen wie uns, und die täglichen kleinen und großen Aufgaben, die das Leben mit sich bringt.“
„Das nennst du Leben?“, entgegnete sein Vater. „Den lieben langen Tag müssen wir mit dem Wenigen haushalten, das wir der verpesteten Natur entreißen können. Den Rest der Zeit sitzen wir in unseren dunklen Kammern und hantieren mit Flüssigkeiten und Pülverchen. Wir sind das letzte Überbleibsel der Menschheit, das sich weigert zu akzeptieren, dass es zu Ende ist.“
„Und trotz all dem Elend sind wir noch hier, trotz all der Düsternis machen wir weiter, suchen sogar jetzt gerade nach Zunder, um weiter Licht zu entfachen. Es stimmt, im Grunde ist die Welt untergegangen. Durch das Himmelsfeuer, das sie gleich hunderter fallender Sonnen versengt hat. Und doch war selbst diese Apokalypse nicht genug, um uns Menschen gänzlich den Garaus zu machen. Gleicht das nicht einem Wunder?“
„Du kannst es Wunder nennen, oder es als Unglück verstehen. Die Welt im eigentlichen Sinne ist wahrhaftig zu Ende. Ein paar hundert Menschen mehr oder weniger auf dem Erdball machen da auch keinen Unterschied. Wir sind wie die Kakerlaken, die jede Katastrophe durchstehen, und doch zu nichts anderem taugen, als zu bloßem Überleben … was für eine Errungenschaft.“
„Dann wozu das alles?“, platzte es aus Jawin hervor. „Du bist doch derjenige, der mich von Kindesalter an in der Kunst der Alchemie unterrichtete, mich zu seinem Adepten machte. Du zeigtest mir, wie die Kenntnis der Stoffe, aus denen die Wirklichkeit gewebt ist, die wahnwitzigsten Kräfte entfesseln kann. Du zeigtest mir, wie man Pfützenwasser zum Trinken reinigt, wie man Erde mit Asche fruchtbar macht, wie man Stoffe färbt. Du hast mich die Tabula Smaragdina verstehen lassen, die so kostbare alchemistische Weisheiten unserer Vorfahren enthält. Seit über zwanzig Jahren forschen wir gemeinsam an der Erschaffung des Steins der Weisen, dem Rebis, der die Welt wieder ins Lot bringen soll. Warum, wenn du wahrhaftig an nichts mehr glauben würdest?“
Während er seinem Sohn zuhörte, hatte sich Dastan auf einem Stein niedergelassen und mit seinem Wanderstock im trockenen Boden des Trampelpfades herumgestochert. In einem zerfallenden Buch hatte er einst etwas über Kreaturen namens „Würmer“ gelesen. Noch nie hatte er so ein Lebewesen zu Gesicht bekommen, obwohl es sich im Goldenen Zeitalter so gut wie überall durch die Erde gefressen haben soll, ständig die Welt verdauend. Er vermutete, Organismen wie der Wurm seien die weisesten Alchemisten von allen. Mit ihren Kräften der Transformation machten sie aus unbrauchbaren Stoffen brauchbare, schufen fruchtbare Erde, machten überhaupt erst weiteres Leben möglich. Doch jetzt schienen sie für immer fort zu sein.
„Verzeih mir, mein Sohn“, sagte Dastan schließlich und seufzte. „Ich gestehe, ich zweifle. Mit jedem Tag wird es schwerer zu glauben, diese Welt ließe sich retten. An so vielen Orten ist die lebensfeindliche Strahlung, die unsere Körper durchdringt, bis wir alle Haare verlieren und sich unsere Haut pellt. Die Strahlenkrankheit, die deine Mutter von uns genommen hat …“
Bei diesen Worten drehte sich Jawin weg, als hätte ihn ein Pfeil in die Brust getroffen. Vorsichtig sprach Dastan weiter: „Niemand von uns hat je das goldene Licht der Sonne gesehen, nur das kalte, durch die Atmosphäre gedämpfte. Wir schlagen uns im Schatten der alten Welt durch und werden nie wissen, was es heißt, in ihrem Wohlstand zu leben. Jeder Tag ist ein einziger Kampf. Und ich weiß nicht, wie lange ich noch weiterkämpfen kann.“
Traurig blickte Jawin seinen Vater durch die langen, braunen Strähnen an, die ihm ins Gesicht hingen. So oft er ihn auch tadeln musste, war er doch sein einziger Halt in dieser Welt. Mit jedem Tag fürchtete Jawin mehr, er könnte ihn für immer verlieren. Er sprach oft mit Bitterkeit über die Welt, doch hatte er nie Konsequenzen daraus gefürchtet … nun begann sich etwas anderes in seine Schimpfereien zu schleichen: Resignation.
„Ich verstehe dich“, presste Jawin hervor. „Es geht um alles oder nichts. Und wenn ich mir die Welt so anschaue … ja, dann scheint das Nichts überhand zu nehmen.“
Jawin wandte sich dem Abgrund zu und pfiff fest mit den Fingern. Ein paar Herzschläge später erschien mit geisterhafter Eleganz ein gänzlich weißer Rabe. Mit einem grüßenden Krächzen landete er auf seinem Arm.
„Albedo“, sagte Dastan sanft. Das sonderbare Tier konnte seine Stimmung immer erhellen.
„Wie lange ist es her, dass wir sie gefunden haben? Um die zwanzig Jahre?“, sagte Jawin und kraulte ihr sanft den Hals.
„So lange schon?“, fragte Dastan schockiert. Dann nickte er nachdenklich. „Ja, doch, so ungefähr. Du warst damals etwa sieben Jahre alt.“
„Und ich erinnere mich lebhaft daran. Sie lag verletzt vor unserer Hütte. Durch ihr helles Gefieder fiel sie schnell auf. Eine Wildkatze hatte sie erwischt. Ohne uns hätte sie niemals so lange überlebt. Jetzt ist sie eine alte Dame. Wäre sie ein gewöhnlicher schwarzer Rabe, würde sie wahrscheinlich graue Federn bekommen.“
„Ich ahnte damals noch nicht, wie alt diese Tiere werden. Hätte ich gewusst, wie lange wir das Vieh durchfüttern müssten, hätte es an dem Tag wohl eher gegrillten Raben für uns gegeben, statt einem Haustier“, witzelte Dastan.
Jawin schmunzelte. Er wusste, er meinte es nicht ernst. „Damals hast du mir erklärt, die leuchtende Albedo sei geschickt worden, um mich daran zu erinnern, dass ich vor dem Morgengrauen immer zuerst die Schwärze der Nacht durchstehen muss. Ich habe zwar nie einen Stern gesehen, aber vermute, sie gleicht einem solchen. Ein Funkeln in der ewigen Düsternis dieser Existenz.“
„Deshalb haben wir sie Albedo genannt. Nach dem Licht, das in der Alchemie auf die Schwärzung, dem Nigredo, folgt“, sagte Dastan nachdenklich. Er wusste, worauf sein Sohn hinauswollte. Es war die Eigenart der Dunkelheit, ewiglich und undurchdringlich zu erscheinen. Doch sie war nichts Böses, war auch nicht vermeidbar, sondern ein integraler Bestandteil des Zyklus, der überhaupt erst Auferstehung möglich machte. Wieder wanderten Dastans Gedanken hinunter zu den Würmern, die im Dunkel der Erde unermüdlich die Welt erneuert hatten, es vielleicht fernab seines Blicks noch immer taten. Jawin hatte Recht. Sie mussten durchhalten.
„Du hast es geschafft, Jawin. Ich kann mich zum Weitermachen aufraffen“, sagte er und stand auf.
Froh über diese Errungenschaft entgegnete Jawin: „Übrigens habe ich ihr einen neuen Trick beigebracht. Albedo: Such!“
Der Rabe breitete die Flügel aus und flog in Richtung des Waldes. Gleich einer sanften Brise bahnte er sich seinen Weg durch Äste und Stämme, bis er aus ihrem Blickfeld verschwand. Dann ertönte Albedos Krächzen.
„Gefunden!“, rief Jawin siegessicher und folgte ihr, nur um wenige Momente mit dem Vogel auf der Schulter und einem großen Zunderschwamm in der Hand zurückzukommen. Dastan lächelte. Es konnte weitergehen.
In der Siedlung angekommen, war Dastan vom alten Forschungsdrang ergriffen.
„Weißt du, ich glaube, die Tria Prima ist für den Stein der Weisen von größerer Bedeutung, als bisher angenommen. Salz und Schwefel finde ich weiterhin hier in den Bergen, doch Quecksilber muss aus Zinnober gewonnen werden. Das gibt es hier nicht.“
„Mhm“, machte Jawin nur. Gedankenverloren streichelte er Albedos Gefieder. Diesmal war er es, der mit dem Kopf ganz woanders war, doch Dastan bemerkte es in seinem Eifer nicht.
„Aus irgendeinem Grund war Gold für die alten Alchemisten von hohem Interesse. Doch es ist nichts besonderes. Ich hatte es ja schonmal erschaffen, falls du dich erinnerst. Ein weiches Metall, nett anzusehen, für die ein oder andere Handarbeit praktisch, aber von keinem magischen Wert. Deine Mutter machte sich ein Schmuckstück daraus. War hübsch.“
Sie kamen an einer alten Frau vorbei, die auf einem verwitterten Plastikstuhl vor ihrer Hütte saß. Sie hob zum Gruß eine zitternde Hand und schenkte ihnen ein zahnloses Lächeln.
„Ashana!“, rief Jawin freundlich. „Schön, dass du dich mal wieder vor die Tür traust. Wie geht es dir?“
„Naja, die Schmerzen werden jeden Tag schlimmer“, presste die Alte mit einem Lispeln hervor. „Bin froh, wenn ich es überhaupt noch aus dem Bett schaffe. Dachte, die frische Luft tut meinen Knochen gut.“
Dastan beschleunigte seine Schritte und sagte: „Ah, ja, zu schade. Das Alter, nicht wahr? Naja, was kann man schon machen. Bis die Tage!“
Doch es war schon zu spät. Jawin ging auf Ashana zu und sagte: „Meine alte Freundin, was für eine Sauerei, dass du so leiden musst. Wie wäre es, wenn ich den Ameisenspiritus mische, der beim letzten Mal geholfen hat? Im Nu sollte es dann wieder besser sein mit deinen Schmerzen.“
Die alte Frau strahlte. „Das würdest du tun? Ach, du bist ein Schatz!“
Dastan drückte gegen Jawins Schulter, um ihn zum Weitergehen zu bringen. „Ja, es ist schon ein lieber Junge, nicht wahr? Jetzt haben wir es aber eilig. Sie wissen schon, Ashana, der Ruf der Forschung!“
Er ignorierte ihren verwirrten Blick und ging mit Jawin von dannen.
„Immerzu willst du dich den albernen kleinen Problemen der Leute annehmen“, sagte Dastan. „Wir arbeiten doch an etwas so viel größerem! Unser Magnum Opus!“
„Definitionssache“, murmelte Jawin augenrollend, jedoch so leise, dass sein Vater ihn hoffentlich nicht verstand. Tat er nicht. Der war nur mit seinem nächsten Experiment beschäftigt.
„Ich brauche Quecksilber, Sohnemann“, sagte er. Jawin hasste es, wenn er ihn so nannte. „Heutzutage findet man das Zeug am einfachsten in den Ruinen der Vorzeit. Ich muss dich bitten, mir eine dieser Glasrohre zu bringen, die die Vormenschen als Lichtquellen verwendeten. Womöglich lässt sich ein Edelmetall erschaffen, das ich bisher noch nicht entdeckt habe. Ein Element, das sowohl Merkmale von Gold als auch Silber hat. Darin könnte der Schlüssel liegen, Jawin! Alles was du tun musst, ist zu den Ruinen im Westen zu gehen und mir den Stoff zu bringen. Am besten gehst du sofort los. Bei Morgengrauen würdest du dort sein und bis zum Abend wieder zurück!“
Jawin sagte nur: „Du hast doch gehört, was ich Ashana versprochen habe. Ich werde Ameisenspiritus mischen.“
Dastan lachte. „Witzig, sehr witzig! Du kannst dann meinen Reisebeutel mitnehmen. Darin ist noch ein Schlauch mit gereinigtem Wasser.“
Jawin blieb stehen. Endlich schaute ihm sein Vater in die Augen. „Ich meine es ernst. Das Zeug gehe ich nicht suchen. Heute nicht, und morgen auch nicht.“
„Wie meinst du das?“, fragte Dastan. „Du willst mir gar nicht helfen?“
Jetzt erweichte Jawins Blick. „Es tut mir leid, Vater. Schon lange wollte ich es dir sagen, konnte mich aber nicht dazu überwinden. Ich will noch immer den Regis erschaffen. Ich glaube noch immer an unser Ziel. Aber ich glaube nicht mehr an deine Methoden.“
„Was?“, stammelte Dastan. „Wieso das denn?“
„Zugegeben, dir sind schon viele beeindruckende Kunststücke gelungen. Heilpulver, widerstandsfähige Textilien, Salben, langlebiges Wachs … so viele Dinge, die den Menschen helfen. Doch mit jedem Tag bin ich mehr davon überzeugt, dass die entscheidendsten alchemistischen Lehren nicht materieller Natur sind. Wenn es um Transzendenz geht, dürfen wir die alten Texte nicht so wörtlich nehmen.“
Verwirrt sagte Dastan: „Wie soll man Texte denn anders verstehen, als wörtlich?“
„Mir ist da ein Begriff in einem alten Buch untergekommen. Metapher. Die Bedeutung einer Sache wird auf eine andere übertragen. Es ist nicht das eigentliche, bildhafte, materielle gemeint, sondern das verborgene, schwer fassbare, flüchtige. Statt Quecksilber und Schwefel, geht es um Geist und Seele.“
Ungläubig schüttelte Dastan den Kopf. „Hörst du dir eigentlich selbst zu? Was soll uns das bringen, Geist und Seele? Das ist nichts, das ich mörsern und destillieren kann, oder täusche ich mich?“
„Nicht ganz“, sagte Jawin amüsiert. „Die Ziele und Methoden der inneren Alchemie sind andere. Es geht um die Verbindung zum Selbst, um das Überwinden von Illusionen, um die innere Sehkraft. Manche nannten es einst auch Erleuchtung.“
Dastan hob die Augenbrauen. „Warte … dann war dieses ständige schweigende Rumsitzen morgens und abends nicht Trägheit, sondern Mittel zum Zweck?“
„Vor allem war es Selbstzweck. Aber ja. Meditation und Atemübungen gehören zu den wichtigsten Grundsteinen der inneren Alchemie.“
Dastan schmunzelte. „Wirklich niedlich. Naja, wenn es dir guttut, dann werde ich dich nicht aufhalten. Solange es dich nicht zu sehr von deinen anderen Aufgaben ablenkt.“
„Du verstehst es nicht, oder?“, sagte Jawin vorsichtig. „Es sind deine Aufgaben, die mich von meinen eigenen Zielen ablenken. Ich sehe keinen Sinn mehr darin. Der Stein der Weisen lässt sich nicht auf deinem Wege herstellen.“
Dastan ballte die Fäuste. „Was sagst du da? Nach all den Jahren, nach all den Lehren, nach all der Schufterei … denkst du, das war alles umsonst? Und überhaupt, was soll dieser ganze Erleuchtungskram bringen, wenn wir immer noch Hunger leiden? Immer noch frieren? Immer noch jeden Tag hoffen müssen, dass uns nicht die Strahlenkrankheit oder die nächste Seuche dahinrafft?“
Beim Sprechen war Dastan immer lauter geworden. Davon aufgeschreckt machte Albedo einen Satz in die Luft und kreiste jetzt krächzend über ihnen. Verlegen blickte Jawin zu Boden. „Wie so oft hast du nicht ganz Unrecht. Wer ums Überleben kämpft, hat wenig Zeit, sich um das Transzendente zu scheren.“
Er blickte zum Horizont, wo der Abend den Himmel in einem dunklen Rot färbte. „Und doch muss der Mensch besser werden, wenn er überleben will. Er muss die Dinge hinterfragen lernen, am meisten sich selbst. Darf sich nicht mehr von seinem Ego treiben lassen, von Gier und Rachsucht. Nur so errichten wir eine lebenswerte Welt, die nicht wieder von Hass und Gewalt zerrissen wird.“
„Schöne Fantasiebilder, die du da malst. Nur leider haben sie nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Warum kommt es denn zu Gewalt? Wenn der eigene Hunger zu groß ist, erschlägt auch der tugendhafteste aller Weisen denjenigen, der ihm das Essen wegschnappt.“
Dastans Blick folgte dem seines Sohnes in Richtung des blutgetränkten Abendhimmels. „Wir wissen nicht mit Sicherheit, was zum Untergang der Vorherigen führte“, sagte er. „Was vor der großen Feuersbrunst kam. Doch, sollten die Menschen des Goldenen Zeitalters tatsächlich selbst dafür verantwortlich gewesen sein, so muss es Gründe dafür gegeben haben. Wir wissen, dass die Erde heißer wurde, Wasser und Nahrung wiederum knapper. Die Welt wurde enger. Ich glaube, der Kampf um Ressourcen hat sie zum größten Gewaltakt verführt.“
„Sollte ein großer Streit der Auslöser für ihre Selbstzerstörung gewesen sein, so ist das doch der Beweis, dass ich recht habe.“
„Vielleicht wird es immer jemanden geben, der den Hebel dafür betätigen würde. Der bereit wäre, eine Katastrophe auszulösen, wenn er dies für seinen eigenen Vorteil hält, oder der verblendet ist von Hass und Ideologie. Es geht darum, zu verhindern, dass es überhaupt erst dazu kommt.“
Jawin schüttelte nur schweigend den Kopf.
„Verstehst du nicht, Jawin?“, sagte Dastan und packte ihn sanft bei den Schultern. „Der Stein der Weisen wird es den Menschen ermöglichen, nie wieder in Mangel zu leben. Er ist nicht für einen Einzelnen, sondern für alle! Erst wenn niemand befürchten muss, um die Geschenke dieser Erde mit jemand anderem zu konkurrieren, ist das Bestehen der Menschheit wahrhaftig gesichert. Erst dann wird die Welt … gut.“
Dastan entgegnete nichts, schüttelte nur mit finsteren Blick den Kopf. Jawin presste enttäuscht die Lippen aufeinander. Dann sagte er: „Mach du es auf deine Art. Und ich auf meine.“ Er drehte sich um und ging. Der weiße Rabe folgte ihm wie ein nach oben geworfener, heller Schatten.
Über sieben Monate hinweg sprachen sie kein Wort miteinander. Stattdessen redeten die anderen Siedler über sie. Zu bizarr war die plötzliche Zwietracht zwischen den zwei Männern, die einander einst kaum von der Seite gewichen waren. Gerüchte kamen auf. Womöglich war der Vater eingeschüchtert von dem ihn langsam in den Künsten übertrumpfenden Sohn. Oder der Sohn wollte gar nicht mehr sein Lehrling – oder überhaupt ein Alchemist – sein und der Vater konnte es nicht ertragen. Hungrig nach Tratsch beobachteten die Leute die beiden. Der Ältere war in seinem alten Zuhause geblieben. Manchmal ging er los, um irgendwelchen Schrott aus den Ruinen des Goldenen Zeitalters zu bergen. Kaum war er wieder zurück, voller Schmutz und Kratzer, schloss er sich wieder tagelang ein und bunte Lichter blitzten in seinem Fenster auf. Kam er doch mal heraus, war sein Blick jedes Mal ein wenig entrückter. Doch ebenso strahlte er einen brennenden Eifer aus, der seine Forschung anzutreiben schien.
Der Sohn war mit seinem wundersamen Raben bei der zahnlosen, gebrechlichen Alten untergekommen und kümmerte sich um sie. Jeden Morgen ging er von Haus zu Haus und fragte, ob er den Leuten bei etwas helfen konnte. Dann brachte er Holz oder erlegtes Kleinwild aus dem Wald, machte Seife oder Medizin, schenkte auch mal ein offenes Ohr, wenn jemand Sorgen loswerden wollte, sprach jedoch selbst ansonsten kaum ein Wort. Waren alle versorgt, ging er hinaus in die Wildnis, setzte sich auf einen Felsen, schloss die Augen und tat … nichts. Stundenlang. Das brachte ihm dreimal so viel Tratsch ein, wie sein Vater abbekam.
Eines Morgens machte Jawin mal wieder seine Runden durch das Dorf und half den Leuten bei ihren alltäglichen Arbeiten. Er grub ein Gemüsebeet um, hackte Holz, kochte Wasser ab. Als er damit fertig war, sah er sich nach Albedo um und entdeckte sie auf dem Dach einer verwitterten Hütte sitzen. Sein altes Zuhause – nein, das Haus seines Vaters. Von oben beäugte sie ihn, die roten Augen leuchtend wie Rubine. Jawins Herz wurde schwer. Er war wütend auf Dastan. Doch ebenso vermisste er ihn. Und Wut und Schuldgefühle vernebelten ihm den Blick, waren eine weitere Hürde auf dem Weg zur inneren Erleuchtung. Beharrlich leuchtete Albedos weißes Gefieder weiterhin auf dem Hausdach. Jawin erinnerte sich an uralte Legenden von Sternen, die verlorenen Seelen den Weg weisen.
Er fasste allen Mut zusammen, schritt auf die Tür zu und klopfte. Eine halbe Ewigkeit später hörte er Schritte näher schlurfen, dann tat sich ein dunkler Spalt auf. Das blutunterlaufene Auge Dastans funkelte ihn aus dem Dunkeln heraus an.
„Kommen wir gleich zur Sache“, sagte Jawin schüchtern. Ich wollte mich bei dir entschuldigen. Dafür, dass ich dich ganz allein gelassen habe. Kannst du mir vergeben?“
Dastan sagte nur: „Schon gut.“
Sofort war die Tür wieder zu. Mit feuchten Augen ging Jawin zurück zur alten Ashana. Er hatte gehofft, die Dinge mit Dastan klären zu können, stattdessen fühlte er sich nun schlechter als zuvor. Da landete Albedo auf seiner Schulter und zwickte ihn mit dem Schnabel liebevoll in die Wange. Er hatte das Gefühl, sie wolle ihm damit sagen, sie sei stolz auf ihn. Aber vielleicht wollte er das auch einfach nur glauben.
Als Jawin am nächsten Morgen auf seinem Strohhaufen in Ashanas Hütte erwachte, fühlte er etwas kühles, schweres auf seiner Brust, direkt auf seinem Herzen. Er tastete danach und holte den Gegenstand unter seiner zerfetzten Decke hervor. Es war ein Stein, kantig und silbern glänzend. Er erinnerte ihn an einen Pyrit, der von einem ganz eigentümlichen violetten Schimmer überzogen war. Mit dem kümmerlichen Bewusstsein eines Menschen, der gerade aufgewacht war, formte er zuerst kein rationales Urteil über das Ding, drehte es einfach nur, um das Licht über seine Flächen und Kanten tanzen zu sehen. Wie sonderbar er war, dieser Stein. Der Stein, der aus dem Nichts gekommen war. Nach fleißiger Studie seines Selbst. Nach dem Streben nach Weisheit. Der Stein. Der Stein der Weisen!
Jawin sprang hoch, rannte los, verfing sich mit den Füßen in seiner Decke, richtete sich wieder auf und lief aus dem Haus. Hastig flog ihm Albedo hinterher, das Gefieder noch leicht zerzaust von der Nacht. In seinem Schlafgewand, das etwas von einem Kartoffelsack hatte, hastete Jawin durch die Gassen. Die belustigten Mienen der anderen Siedler beachtete er genauso wenig wie den Schlamm, der an seinen nackten Fußsohlen kleben blieb.
„Ich hab ihn!“, schrie er, sobald er sein altes Zuhause erreichte. „Vater, ich hab ihn! Den Stein der Weisen!“
Sofort ging die Tür auf. Als Dastan im Türrahmen auftauchte, erkannte Jawin denselben freudigen Rausch in seinen Augen glimmen, wie er ihn selbst in seinem Herzen trug. Scharf bremste Jawin ab, sodass er eine Schleifspur in den Dreck zog und Dastan trotzdem noch anrempelte. Der packte ihn wortlos und zeigte ihm einen Gegenstand, der in seiner Handfläche ruhte: Da lag ein matter, bräunlicher Stein, der ganz unscheinbar gewesen wäre, wäre er nicht von orange leuchtenden Sprenkeln durchzogen.
Dastan begutachtete das pyritartige Objekt, das Jawin mitgebracht hatte. Müde lächelnd sagte er: „Und ich dachte, ich hätte den einzig wahren Stein erschaffen.“
„Wie kann das sein? Mein Rebis ist einfach so aufgetaucht. Aus dem Nichts. Wie konnte er anders erschaffen worden sein als durch meine alchemistische Praxis?“
„Und ich habe das neue Element entdeckt, das die Alten in ihren Schriften beschrieben hatten. Das Element, das unabhängig von Temperatur den Aggregatzustand wechseln kann, ganz als hätte es einen eigenen Willen. Als ich versuchte, den Stoff zu destillieren, wurde er plötzlich so schwer, dass er ein Loch durch Tisch und Boden grub. Als ich ihn da herausholen wollte, kam dieser Stein hervor.“
„Das alles muss doch irgendeinen Sinn haben … Was übersehen wir?“
„Ich weiß es nicht, Jawin“, sagte Dastan und sprach sanft zu ihm, als hätten sie sich nie zerstritten. „Doch wenn wir wenigstens auf eine Antwort hoffen wollen, sollten wir zum …“
„… zum Schrein des Wissens“, beendete Jawin seinen Satz. Dastan hatte Recht. Er war ihre einzige Chance.
Ein grummelndes Wolkengebirge türmte sich hinter ihnen auf, als sie über die große graue Ebene auf die Ruinen zu wanderten. Kühler Wind zog an ihren Roben. Ein schwerer Regen setzte ein, der sie bis auf die Haut durchnässte. Albedos Flügel wurden schwer und sie nahm auf Jawins Schulter Platz.
Stunden später erreichten sie den Rand der Ruinen. Ausgebrannte Gebäude reihten sich wie Skelette aneinander. Nur hie und da war ein Haus nicht völlig vom apokalyptischen Feuer zerfressen worden. Eines davon war das altertümlich anmutende Museum, das sich in der Nähe einer kargen Ebene befand, die vermutlich mal ein Park gewesen war.
„Wann waren wir das letzte mal hier?“, fragte Jawin voller Ehrfurcht, als sie die geflieste Eingangshalle betraten. Ihre Schritte hallten durch die Räume, die sich in all der Zeit kaum verändert hatten.
„Es muss bestimmt schon zehn Jahre her gewesen sein“, sagte Dastan. „Damals wollte ich etwas zur Transmutationsphase des Rubedo, der Rötung, nachschlagen.“
Jawin überlegte kurz und sagte: „Wir sind in unserem Magnus opus bereits so weit fortgeschritten. Lass uns am Ende des Rundgangs beginnen. Bestimmt finden wir dort unsere Antworten.“
Sie gingen in die entgegengesetzte Richtung des Pfeils, der den Besuchern den richtigen Weg deutete. Wie zwei Gläubige in einem Gotteshaus durchschritten sie das Alchemie-Museum. Sie überflogen die erklärenden Texte an der Wand, durchblätterten die Replikate alter Bücher, begutachteten die Ausstellungsstücke echter alchemistischer Fundstücke, von alten Gefäßen und Mörsern bis hin zu rätselhaften Pulvern und Flüssigkeiten. Die ganze Nacht lang durchwühlten sie das Museum, bis graues Morgenlicht den Schmutz an den Fenstern zum Schimmern brachte. Doch nichts lieferte ihnen die richtige Lösung.
„Ich kenne schon alles“, jammerte Dastan. „Hier ist nichts Neues. Es ist zum Verzweifeln!“
„Vielleicht müssen wir doch selbst auf die Antwort kommen“, sagte Jawin. „Womöglich müssen wir nur weiter darüber meditieren. Du solltest es auch mal versuchen.“
„Ja, vielleicht, wer weiß. Lass uns nach Hause gehen.“
Sie gingen weiter in die entgegengesetzte Richtung des Rundgangs, ganz zum Anfang der Ausstellung.
„Ein Raum, gewidmet der Geschichte des Feuers. Den hatte ich fast vergessen“, sagte Dastan.
„Es wirkt fast zu simpel“, stellte Jawin fest. „Und doch war die Entdeckung des Feuers überhaupt erst der Startschuss für die Geschichte des Menschen.“
„Der Homo sapiens entstand erst dadurch! Sein Verstand konnte wachsen, weil er durch die Zubereitung mit Feuer besser die Nahrung verwerten konnte, die er jagte und sammelte. Er bediente sich mit zunehmender Weisheit der Stoffe seiner Umwelt, baute Werkzeuge, entwickelte die Fähigkeit zur Sprache, die wiederum komplexe Zusammenarbeit erlaubte … bis wir eines Tages bei den technologischen Wunderwerken des Goldenen Zeitalters ankamen. Wahnsinn.“
Ein Krächzen hallte zu ihnen. Sie hatten durch ihre Studien fast vergessen, dass Albedo mit dabei war. Sie saß auf dem dichten Schopf einer Figur, die einen Urzeitmenschen darstellte. Er war Protagonist einer Szene, in der er mit zwei Steinen Feuer machte.
„Ein Funke, der zu einem unauslöschlichen Feuer wurde, der eine völlig neue Welt hervorbrachte“, sagte Jawin nachdenklich.
Dann durchfuhr beide der gleiche Gedanke. Wissend sahen sie einander an. Sie rannten nach draußen und holten inmitten der toten Parkanlage ihre jeweiligen Steine hervor.
Entschlossen standen sie einander gegenüber. Es brauchte keine Erklärungen. Sie wussten, was zu tun war – und nur das Experiment würde zeigen, wo es hinführte.
Beide holten aus und schlugen die Steine aneinander. Ein mächtiges Funkeln erhellte die Szenerie, die Luft schien vor Energie zu knistern. Ein Donnern folgte und ein heftiger Rückstoß ließ die Männer auseinanderfliegen und auf ihren Hintern landen. Nun waren sie in völlige Dunkelheit eingehüllt – zumindest fast. Zwischen ihnen wuchs eine kleine Flamme wie eine zarte Blume aus dem Boden. Albedo stand daneben und beäugte sie neugierig.
Schweigend gingen Dastan und Jawin auf das Feuer zu, um es zu begutachten.
„Wie sonderbar“, sagte Jawin und streckte vorsichtig die Hand nach der Flamme aus. Sanft zischelnd schmiegte sie sich gleich einer freundlichen Schlange an seine Finger. „Es ist warm, aber es verbrennt mich nicht.“
„Sieh nur!“, stieß Dastan hervor. „Deine Haut!“
Jawins mit Schwielen der Schufterei übersäte Hand erstrahlte in purpurnem Licht. Überall dort, wo die Flammen über seine Haut streichelten, wurde sie glatt und weich, als hätte er keinen Tag in seinem Leben gearbeitet.
„Es hat erneuernde Kräfte“, raunte Dastan. „Stell dir vor! Womöglich kann die ganze Welt dadurch geheilt werden!“
Unsicher sagte Jawin: „Ich wünschte, es wäre so.“
Funken stoben und das Feuer wurde größer. Aufgeregt krächzend machte sich Albedo bereit zum Abflug. Beide Männer starrten erschrocken in die Flammen.
Dann sagte Dastan: „Ich wünschte, wir haben es in uns, die ganze Welt zu erneuern. Ich wünschte, wir Menschen taugten dazu.“
Die Flammen breiteten sich weiter aus, hatten jetzt den Umfang eines Lagerfeuers. An seinen Rändern erhoben sich sattgrüne Grashalme wie aus tiefem Schlummer.
„Ich wünschte, kein Mensch wird mehr Hunger leiden müssen. Nie wieder soll jemand seine Existenz in Elend fristen, während ein anderer im Prunk lebt“, sagte Jawin bestimmt.
Das Feuer wuchs kontinuierlich weiter. Albedo umkreiste die Säule an Funken und Rauch, die daraus emporstieg. Jawin und Dastan stellten sich nebeneinander auf, den Blick immerzu auf die Flammen gerichtet, die sich vor ihnen mit der Macht eines Bären aufrichteten. Ohne davor zurückzuschrecken, blieben die Alchemisten davor stehen.
„Ich wünschte, die Erde sei wieder reich genug für alle!“, schrie Dastan und fiel auf die Knie.
„Ich wünschte, die Menschen arbeiteten miteinander, statt gegeneinander!“, rief Jawin und tat es ihm gleich.
Ein Feuersturm umspülte sie gleich einer großen Welle. Doch die Flammen schmerzten nicht. Sie streichelten vielmehr über ihre Körper, mit einer sanften Wärme, die Jawin an die Umarmung seiner Mutter denken ließ und Dastan an ihre morgendlichen Küsse erinnerte. Dann wurde alles schwarz. Befreit von jeglichem Zeitgefühl vergingen für Dastan und Jawin viele Stunden traumlosen, heilenden Schlafs.
Bis Jawin wieder die Augen aufschlug. Eine sanfte Brise glitt über sein Gesicht, in der Ferne hörte er Vögel zwitschern. Als er sich aufrichtete, krächzte ein schwarzer Rabe, der offenbar über seinen Schlummer gewacht hatte.
„Albedo?“, sagte Jawin. Ein zustimmendes Krächzen entfuhr ihr. Ja, es war eindeutig sie, wenn auch in anderem Gewand.
„Alles ist jetzt anders“, sagte Dastan und richtete sich ebenfalls auf.
„Sieh nur“, sagte er dann und deutete um sich. Jawin ließ seinen Blick über die Welt wandern, die das Feuer hervorgebracht hatte. Grüne Wiesen erstreckten sich vor ihnen, Bäume mit dicht beblätterten Kronen steckten ihre Äste unter dem blauen Himmel aus. Die Gebäude waren keine ausgebrannten Hülsen mehr, sondern in standhafte Fassaden und glänzende Glasfenster gehüllt.
„Die alte Welt, das Goldene Zeitalter … es ist wieder da!“, hauchte Jawin ehrfürchtig.
„Zumindest ihre Schätze“, sagte Dastan. „Sie ist nicht ganz dieselbe. Schließlich sind wir jetzt andere.“
Jawin wandte sich zu Dastan um und sah verwirrt zu, wie er die Finger in den Erdboden grub. Sachte hob Dastan eine lange, weiche Kreatur aus dem Erdloch heraus. Der Wurm krümmte sich, nach Dunkelheit und Nahrung strebend. Dastan handhabte ihn mit mehr Andacht, als ein König sein Zepter.
„Wir müssen es anders machen, als die Vorherigen. Das ist unsere zweite Chance.“
Lächelnd legte er den Wurm zurück in die Erde. Im Stillen dankte er ihm, während das Wesen in sein Reich der ewigen Nacht zurückkehrte, um sich weiter seiner Berufung zu widmen. Um immer weiter die Welt zu erneuern.